Am Rande einer politischen Diskussion im Parlament kam diese Frage aus dem Publikum. Diese Frage hat mich irgendwie nicht losgelassen, weil ich – während die Veranstaltung weiterlief – bei dieser Frage steckengeblieben war. Ein paar Tage später habe ich meine Gedanken dazu geordnet und will sie hier festhalten, weil ich die Frage für wichtiger erachte, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag.
Da wir viel über einen politischen Islam reden (müssen), ist es im Grunde gar nicht so abwegig, die gegenteilige Frage zu stellen bzw. die Angelegenheit konsequent weiter zu denken. Denn wenn wir viel über politische und politisierte Formen des Islams sprechen, muss sich die Frage an einem gewissen Punkt ja stellen: Wo ist die Negation des politischen Islam?
Also gibt es einen unpolitischen Islam?
Kurz und knapp: Nein.
Das ist das Ergebnis meines Denkprozesses.
Der Siegeszug des Islamismus wäre nicht möglich geworden, wenn die Verfechter dieser Ideologie nicht die Wahrnehmung der Religion selbst verändert hätten. Oder wie es der Erz-Prediger des Islamismus Sayyid Qutb einmal drastisch formuliert hatte: „Der Islam muss politisch sein oder er wird gar nicht sein.“ Und leider haben es islamistische Narrative geschafft, die grundlegende Wahrnehmung der Muslime selbst zu verändern. Oder einfacher gesagt: Viele Muslime würden obigem Satz zustimmen, obwohl sie selbst nicht islamistisch oder vielleicht sogar Islamismus-kritisch sind. Weil der Islamismus die Grundlagen bestimmt – selbst für seine Kritiker. Der Koran gilt heute als Gottes Wort. Das ist mehr als eine pathetische Zuschreibung, sondern sagt viel über die Mentalität und die grundlegende Perspektive der Muslime selbst aus. Wenn der Koran kein historischer Text ist und auch nicht so gelesen werden darf, dann ist die Politisierung der Religion bereits abgeschlossen. Das erinnert sehr stark, an die politisierte Bewegung des evangelikalen Christentums, auch dort ist das Christentum nur noch politisch zu deuten. Dieses Christentum ist Ideologie und begreift auch die Bibel als programmatische, göttliche Schrift und eben nicht als historisch gewachsenes Produkt.
Lange Rede, kurzer Sinn: Der Islam ist heute weitestgehend politisiert, anders ist der Siegeszug des Islamismus auch nicht erklärbar. Ein Weg zurück zu einem idealisierten Ur-Islam ist müßig und zuweilen mehr Wunschdenken und Projekten, denn historische Realität. Das Überleben des Islam als Religion und nicht des Islamismus als Ideologie wird davon abhängen, ob man es schaffen wird die grundlegende Wahrnehmung zu ändern. Das ist ein steiniger Weg, den nicht viele gehen wollen (werden) – befürchte ich.
Jede Relgion ist politisch an sich, weil sie Vorstellungen über die Gestaltung der Gesellschaft entwickelt. Die Frage ist eine andere: Wie fundamentalistisch, radikal wird diese ausgeübt und wie weit wird sie realpolitisch missbraucht – von Hamas bis Trump.
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Ja, gebe ihnen recht, dass jede Religion etwas Politisches in sich trägt, dennoch denke ich, dass gewisse Religionen anfälliger sind für eine vollkommene Transformierung in eine weltliche Ideologie als andere.
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Ist das Christentum unpolitisch?
Es gibt so manche Parteien mit C.
Also das politisch sein kann a priori nicht das Problem sein.
Eine andere Sache ist, die Regeln des Politischen usurpieren zu wollen.
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Der politische Katholizismus musste „domestiziert“ werden. Aufgrund der Säkularisierung der Mehrheitsgesellschaft stellt sich die Frage nach einem politischen Katholizismus auch nicht mehr. Das wünsche ich auch dem Islam und den hiesigen Muslimen.
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