Vasko und Fatma.

Die Familie meine Oma verließ im Jahr 1956 Mazedonien, das im damaligen Jugoslawien lag. Nach all den Jahren beschloss sie diesen Sommer in ihre erste Heimat zurückzukehren.

Als junges Mädchen, einige Jahre vor dem großen Aufbruch, gab es da einen Nachbarsjungen: Vasko. Vasko war der Sohn des orthodoxen Priesters. Meine Oma war die Tochter eines muslimischen Barbiers.

Die Häuser der beiden Familien lagen Garten an Garten. In der Mitte der beiden Gärten gab es keinen Zaun. So tief war das Vertrauen zwischen dem orthodoxen Priester und dem muslimischen Barbiers, die sich ebenfalls seit Kindestagen kannten.

Vasko war ein stiller, gut aussehender Junge. Fatma ein schönes, kluges Mädchen. Vasko und Fatma wuchsen gemeinsam auf. Sie pflanzten gemeinsam und ernteten gemeinsam im heimischen Garten. Vasko ging aufs örtliche Gymnasium, Fatma auf das türkische Gymnasium.

Doch das ist kein Roman. In diesem Garten fand weder Julia ihren Romeo, noch Leyla ihren Mecnun. Fatmas Familie beschloss eines Tages Haus und Hof zu verkaufen und in eine pulsierende Metropole namens Istanbul zu ziehen.

Es blieb kaum Zeit sich voneinander gebührend zu verabschieden. Der gemeinsame Garten verwaiste auf der einen Seite. Fatma heiratete jung, Vasko heiratete ebenfalls. Die Jahre vergingen. Aus den jungen Menschen wurden Eltern und schließlich Großeltern.

Kriege kamen und gingen. Länder zerfielen. Aber die Familie Vaskos harrte aus, blieb ein fester Anker im Ort. Mit den Jahren vergaß Fatma das Mazedonische und Vasko vergaß das Türkische, das ihm Fatma in mühevoller Arbeit beigebracht hatte.

Viele Jahre später. Fatma hatte mittlerweile ihren Ehemann verloren und wollte wieder die alte, die erste Heimat besuchen. Was war vergangen, was würde sie wieder erkennen? Stand ihr Geburtshaus noch, ihre alte Schule?

Als sie ankam, musste sie feststellen, dass vieles vergangen war. Die Zeit hatte ihren Tribut gefordert. Sie schlenderte auf Straßen, die sie kaum mehr wieder erkannte. Aber die Luft, die durch ihre Lungen strömte, war ihr immer noch vertraut.

Plötzlich rief jemand ihren Namen. Sie dachte, sie irrt. Doch da hörte sie es erneut. „Fatma!“, „Fatma!“. Ein alter Mann kam lächelnd auf sie zu, sein Haar schütter, sein Gang schwer, sein Gesicht zerfurcht.

Es war Vasko. Nicht mehr der junge Knabe von einst, aber er war es. Auch Fatma war eine alte Frau geworden. Aber sie hatten sich sofort erkannt. Kein Zweifel war aufgekommen. Und erleichtert rief sie: „Vasko!“

Die Jahre waren vergangen, sie waren beide alt und gebrechlich geworden. Doch Vasko konnte seine Freude nicht in Worte fassen, denn er konnte kein Türkisch mehr. Und Fatma blieb ebenso stumm.

Aber dort, wo die Zunge schweigt, spricht das Herz. Sie hatten sich wieder erkannt, Tränen lagen in ihren Augen. Vasko und Fatma hatten sich wieder. Der alte, gemeinsame Garten stand in voller Blüte.

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