Was in der Integrationsdebatte fehlt

Die letzten Tage waren nicht nur weltpolitisch aufwühlend, sondern haben auch dazu geführt, dass viele Fragen, die im Grunde seit langem offen waren, wieder gestellt worden sind. Auch an meine Adresse. Die vielleicht interessanteste Frage, die ich im Zusammenhang mit den wütenden, teilweise offen antisemitischen (und antidemokratischen, da islamistische Akteure, Slogans und Symbole oft und gerne zu sehen waren) „Pro-Palästina“-Demos bekommen habe, war eine scheinbar harmlose.

„Was fehlt in der Integrationsdebatte?“

Diese Frage hat mich nämlich wirklich grübeln lassen. Daher auch dieser Versuch eine Antwort zu formulieren, die mich und die Fragestellerin gleichermaßen zufriedenstellen kann. Denn wenn man bedenkt, dass wir seit Jahrzehnten in einer Integrationsdebatte feststecken, dann sollte man meinen, es könne ja nichts fehlen? Doch die vergangenen Tage, gerade im virtuellen Äther der sozialen Medien, ließ mich eine Sache nicht los. Ein Begriff besser gesagt.

Minderwertigkeitskomplex.

Das fehlt als Faktor in der Debatte. Ein politischer Minderwertigkeitskomplex. Ganz offensichtlich, denn es ist ein Phänomen, das unter (nicht-westlichen) Migranten allgemein, unter muslimischen allerdings im Besonderen in Erscheinung tritt. Ein Gefühl des Unterlegen-Seins. Ein bohrendes, stechendes Etwas, das sich durch alle Lebenslagen zieht, sei es am Fußballplatz, in der Disco oder an der Universität. Das Gefühl, einerseits nicht Teil der westlichen Zivilisation zu sein (wiewohl man im Schoße eben jenes Westens lebt und das meist gut), andererseits Abkömmling einer nicht-westlichen Kultur zu sein, die gegenüber der (scheinbaren) Allmacht des Westens in allen Disziplinen des Seins nichts hervorgebracht zu haben scheint.

Aus diesem Gefühl der Unterlegenheit, wenn dann auch noch Erfahrungen mit Diskriminierungen hinzukommen, etabliert sich ein fester Beton des Denkens, den kein Wertekurs, keine Sozialisation und kein anderes „Zaubermittel“ aufbrechen kann. Denn integriert kann nur werden, was auch integriert werden will. Wer sich nicht darum schert, dass der Westen nun einmal den Wettlauf der Kulturen in Sachen Wissenschaft, Technik, Wirtschaft (Stand heute, gell) gewonnen hat, sondern – klugerweise – Interesse daran zeigt, Teil dieses Erfolgs zu sein, ist im Geiste bereits vollkommen integriert. Diese Migranten nehmen alles in Anspruch, was zu dieser Größe ja auch beigetragen hat: Demokratie, Selbstbestimmung, Säkularismus, der grundlegende Zweifel, aus dem gern die besten Ideen entstehen und so vieles mehr.

Doch was ist mit jenen, die daran nicht teilnehmen wollen? Aus sturer Ignoranz, aus einem eben Minderwertigkeitskomplex heraus sich weigern, Teil des Ganzen auch nur werden zu wollen?
Für die sehe ich wenig Hoffnung, denn ein solcher Beton des Denkens ist mit gelinderen Mittel kaum aufzubrechen.

Gewagte These.

Ja. Aber lasst es mich an einer Beobachtung konkretisieren, die es greifbarer machen wird. Habt ihr euch je gefragt, wie es sein kann, dass diese ganzen islamistischen Prediger, die oft und gern wenig charismatisch, sprachlich unterwältigend und intellektuell blass bleibend, es scheinbar mühelos schaffen, so große Scharen an insbesondere jungen Anhängern zu erreichen? Es erscheint weniger mysteriös, wenn man bedenkt, wie sehr diese Prediger ihre eigenen Gefühle der Unterlegenheit (auch wenn es ihnen nicht bewusst ist) verbalisieren und sich das eben dahingehend manifestiert, dass man über den „dekadenten Westen“ schimpft und eine islamische Vergangenheit beschwört, die man ja wieder erreichen könne, wenn man sich nur den diversen Ablegern des modernen Islamismus ergebe. Hier handelt es sich also im Grunde um laute Echokammern, die vom islamistischen Irrsinn verdeckt, tagtäglich und gerade im virtuellen Bereich ablaufen. Der Islamist im Westen trifft also genau jenes Gefühl der Unterlegenheit – unbewusst -, die er selbst verspürend zur Sprache bringt. Er ist damit lediglich ein Lautsprecher jener Kreise, die das Gefühl haben, unterlegen zu sein und daher mit Hass, Gewalt und Fanatismus antworten.

Wann immer ihr also wütende, junge, muslimische Männer seht, dann bedenkt, dass sie zwar sehr wütend sind, aber nicht einmal erahnen, warum sie wirklich wütend sind. Das ist unser Dilemma in der Integrationsdebatte. Denn wir haben keine probaten Mittel, um dieses Problem zu beheben.


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