Über den Austro-Journalismus und das Migrant-Sein in der Branche

Hab mit dem Presse-Redakteur Köksal Baltacı über den Austro-Journalismus und das Migrant-Sein in der Branche gesprochen. Ist ganz unterhaltsam geworden, wie ich finde, aber lest selbst:

Rusen Timur Aksak ist nicht einfach nur Journalist. Er ist Journalist mit (türkischem) Migrationshintergrund. Als einer von ganz wenigen in Österreich sammelte er bereits Erfahrungen in großen Tageszeitungen wie dem „Standard“, zuletzt war er bei ATV und Addendum tätig. Derzeit nimmt er sich eine Auszeit. Ein Gespräch über das Leben als Migrant in den Medien.

Vor ein paar Jahren war die deutschtürkische RTL-Moderatorin Nazan Eckes Ehrengast bei der Verleihung eines Journalistenpreises in Wien. In Ihrer Rede appellierte sie an alle anwesenden Chefredakteure, in ihrem eigenen Interesse Journalisten mit Migrationshintergrund einzustellen. Denn ihrer Erfahrung nach wollten Migranten immer allen etwas beweisen und würden daher extra hart arbeiten. Stimmen Sie dieser These zu?

Rusen Timur Aksak: Das Tragische daran ist, dass die meisten Migranten tatsächlich der Vorstellung anhängen, dass sie besser, fleißiger, klüger und schneller sein müssen, um überhaupt eine Chance auf Karriere zu bekommen. Wahrscheinlich erwartet auch die Mehrheitsgesellschaft, zumindest unbewusst, genau das von uns. Und Nazan Eckes, deren Werdegang ich nicht im Detail kenne, hat das unreflektiert wiedergegeben. Dabei ist diese Botschaft das Schlimmste, was man einem jungen Migranten mit auf den Weg geben kann.

Wollen Migranten nun allen etwas beweisen und arbeiten dadurch härter? Ist das was dran?

Das kann man pauschal nicht sagen, aber allein die Vorstellung ist eine Katastrophe. Warum sollen Migranten härter arbeiten? Es ist ja nicht so, dass die Fleißigsten auch die besten Jobs bekommen. In Österreich sind oft die Faulen die Könige. Diejenigen, die die besten „social skills“ haben. Die Smalltalk beherrschen, über Kontakte verfügen, mit den richtigen Leuten regelmäßig auf ein Bier gehen. Das sollte man jungen Migranten mit auf den Weg geben. Dass sie sich diese in Österreich so wichtigen sozialen Fähigkeiten aneignen. Fleiß und harte Arbeit reichen jedenfalls nicht, also sollte das auch nicht suggeriert werden.

Wenn man Sie reden hört, könnte man den Eindruck bekommen, dass harte Arbeit gar keine Rolle spielt…

Lassen Sie es mich so sagen: Harte Arbeit hat mich noch in keine Redaktion gebracht.

Sondern?

Geschick und Sympathie. Den Job bei „ATV Klartext“ beispielsweise habe ich bekommen, weil der damalige Chefredakteur, selbst ein Arbeiterkind, einem Arbeiterkind eine Chance geben und ihn aufbauen wollte. Ich war ihm sympathisch und habe die für ihn wichtigen und notwendigen Eigenschaften mitgebracht. Denn er war der Meinung, dass es zu wenige Arbeiterkinder in einem mehrheitlich bildungsbürgerlichen Milieu gibt. Und die Medienbranche in Österreich ist ein durch und durch bildungsbürgerliches Milieu. Daher lautet mein Ratschlag an junge Kollegen mit Migrationshintergrund: Vergesst es, die besseren Österreicher sein zu wollen, sondern versucht zu verstehen, wie das Land funktioniert. Eignet euch soziale Kompetenzen an, vernetzt euch, achtet darauf, mit wem ihr etwas trinken geht und versucht, das Wesen der Gesellschaft zu begreifen.

Nochmal zur harten Arbeit…

Die schadet nicht. Bringt dich aber nicht weiter, wenn es darum geht, den Fuß in die Tür bekommen. Denn das ist ja die große Schwierigkeit. Alles andere kommt eh mehr oder weniger von selbst. Journalismus, auch TV-Journalismus kann man lernen. Ist ja schließlich keine Atomwissenschaft.

Eine letzte Frage noch zum Appell von Nazan Eckes. Denken Sie, dass eine solche Ansprache junge Journalisten mit Migrationshintergrund auch demotivieren kann?

Ja. Denn dir Vorstellung, für dieselben Möglichkeiten, dieselbe Anerkennung und denselben Lohn doppelt so hart arbeiten zu müssen, kann zynisch machen und am Ende auch dazu führen, dass man sich von einer Sache abwendet. Nazan Eckes‘ Botschaft kann also abschreckend wirken und ist daher fatal.

Ist es Ihnen schon einmal passiert, dass Sie beispielsweise bei einem Interview mit einem österreichischen Politiker oder Beamten etwas anprangern, etwa im Bereich der Pressefreiheit, der Menschenrechte oder des Staatshaushaltes, und er Ihnen die Gegenfrage stellt, ob denn die Situation in der Türkei besser ist?

Ja, das kam schon vor. War aber für mich nie ein großes Problem, da ich nicht auf den Mund gefallen bin und solche Unsportlichkeiten schnell abgewürgt habe. Wenn jemand unfair wird, werde ich es auch. So habe ich früher auch Fußball gespielt. Wenn jemand, wie man in der Fußballersprache sagt, auf Körper gegangen ist, bin ich es auch.

Fällt Ihnen ein Beispiel für eine solche Situation ein?

Einmal habe ich einen Politiker gefragt, ob er der Meinung ist, dass in Österreich die Religionsfreiheit im Alltag auch für den Islam gewährleistet ist. Anstatt die Frage zu beantworten, wollte er wissen, wie es um die Religionsfreiheit in der Türkei bestellt ist. Daraufhin habe ich ihn gefragt, ob er diese Antwort genau so abgedruckt haben will. Das wollte er nicht und hat sich sofort entschuldigt. Solche, bleiben wir bei dem Ausdruck, Unsportlichkeiten sind ein Ausdruck der Verzweiflung. Und verdeutlichen, dass man einen wunden Punkt getroffen hat. Da muss man Ruhe bewahren. Das kann ich.

Müssen Sie sich in der Redaktion manchmal für politische Vorgänge in der Türkei rechtfertigen oder gar entschuldigen? Quasi den Botschafter der Türkei spielen?

Natürlich, nicht nur in Bezug auf aktuelle Ereignisse in der Türkei, sondern auch in Bezug auf den Islam, was besonders grotesk ist. Mir werden oft zutiefst theologische Fragen gestellt. Theologen studieren jahrelang, lesen Dutzende Bücher und beschäftigen sich intensiv mit dieser Thematik, können aber dennoch keine klaren Antworten auf solche Fragen geben, aber ich soll das können. Und wenn ich keine befriedigende Antwort parat habe, sind die Kollegen oft enttäuscht. Ich sage dann, dass ich kein Theologe bin, aber von mir aus auch noch Theologie studieren kann, um ein besserer Redakteur zu werden.

Das heißt, auch hier gelingt es Ihnen, immer cool zu bleiben und nie die Nerven wegzuschmeißen?

Am Anfang war ich schon verunsichert. Mittlerweile nehme ich es mit Humor. Ist ja in den seltensten Fällen böse gemeint. Das ist das Wichtige für mich. Wenn ich also das Gefühl habe, hinter den Fragen steckt ehrliche Neugier und keine Provokation, versuche ich, darauf einzugehen. Oder ich sage, das übersteigt meine Kompetenz.

Erzählen Ihnen Ihre Kollegen manchmal ungefragt von ihren Urlauben in der Türkei? In der Annahme, dass Sie daran interessiert sein müssen.

Ja, leider. Dabei geht mein Interesse an den Urlauben meiner Kollegen gegen Null. Es sind ja nicht nur Erzählungen vom Urlaub. Besonders schlimm war es im vergangenen Jahr, als es wegen der Erdogan-Regierung so etwas wie Boykottaufrufe gab, in der Türkei Urlaub zu machen. Ich musste mich allen Ernstes rechtfertigen, warum ich in die Türkei fliege. Ich habe in meiner Kindheit viel Zeit in Istanbul verbracht und fliege deshalb immer wieder hin, wegen meiner Liebe zu Istnabul. Das war vor Erdogan so und wird auch nach Erdogan so bleiben. Etwas zu problematisieren, das für Austrotürken ganz normal ist, beunruhigt mich schon manchmal. Wenn ich meine Oma besuche, ist mir Erdogan egal. Ist das so schwer zu verstehen?

Haben Sie Erfahrungen mit Anfeindungen aus der türkischen Community gemacht, weil Sie vielleicht kritisch über einige von ihnen berichtet haben und diese Sie daher als Verräter sehen?

Ja, aber auch das gehört zum Beruf. Bei Anfeindungen, Drohungen und Verleumdungen in den sozialen Medien blockiere ich diese User einfach. Ich bin dann weder traurig noch habe ich Angst. Einfach blockieren und die Sache ist erledigt. Auch, weil ich die sozialen Medien nicht besonders ernst nehme, obwohl ich sie sehr aktiv nutze.

Woher stammen diese Anfeindungen? Ist es, weil viele den Journalisten Aksak nicht von der Privatperson Aksak unterscheiden können? Diese Erfahrung habe ich nämlich schon gemacht.

Mag schon sein, konkret wirkt es sich jedenfalls so aus, dass man als Journalist für gewisse Interessen instrumentalisiert wird. Bei manchen AKP-Anhängern ist mir das besonders deutlich aufgefallen, die Stimmung gegen mich gemacht haben, ohne meine Artikel überhaupt zu lesen. Dahinter stecken Agenden wie Mobilisierungsversuche der eigenen Gemeinschaft. Das macht mir nichts, ich bin hart im Nehmen. Das ist die Gnade der Geburt als Gastarbeiterkind.

Was ist der größte Vorteil daran, Migrationshintergrund zu haben und in den Medien zu arbeiten?

Es gibt keinen.

Glaube ich nicht.

Dann hole ich etwas aus. Eine Zeit lang war es schick, Migranten in Redaktionen zu holen. Das war eine branchenweite Modeerscheinung, kann man nicht anders sagen. Aber das ist schon lange nicht mehr so, teilweise will man sie sogar wieder loswerden. Wenn man sich nun als Migrant damals darauf eingelassen hat, steht man jetzt vor einem Problem. Man hat einen Quotenposten, aber die Quote ist weggefallen. Im Laufe der Jahre wurden nämlich viele Migranten hauptsächlich deshalb eingestellt, um einen exotischen Namen in der Redaktion zu haben, auf den man verweisen kann. Aber mit einem Migranten holst du dir keinen exotischen Namen ins Haus, sondern eine ganze Biografie. Jemanden mit Meinung und Haltung. Jemanden, der nicht nur eine vorgegebene Rolle einnimmt, sondern auch einmal rebelliert. Dieses Bewusstsein ist noch nicht ganz durchgesickert bei den Chefredakteuren. Wird auch nicht mehr passieren. Ich kann nur hoffen, dass sich keine Migranten mehr auf dieses Spiel einlassen. Denn nach der ersten Aufregung merkst du, dass du ein Gefangener bist, wie in einem Käfig. Die Erkenntnis kommt leider nicht unmittelbar, sondern man macht sie erst nach Jahren.

Dann erübrigt sich eigentlich die Frage, ob Sie von Ihrem Migrationshintergrund profitiert haben.

Wenn man wie ich unter den eben genannten, höchst fragwürdigen Vorzeichen in den Medien gelandet ist, kann man davon nicht profitieren.

 

 

 

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