Heute habe ich einer Nachrichtensendung ein Interview gegeben. Es ging – nach dem sich in Hamburg eine Gruppe von Kalifatsanhängern auf verstörende Art und Weise zusammengefunden hatte – natürlich um den Umgang mit der Hizb-ut-Tahrir Bewegung bzw. um den Umgang mit dem Phänomen des Internet Islamismus. Soll man sie verbieten? Wie sieht es bei uns in Österreich aus? Wie steht es um Köpfe und Herzen unserer muslimischen Jugendlichen?
Während mir der Redakteur diverse Fragen stellte, erinnerte ich mich daran, wie ich selbst eigentlich diese ominöse Hizb-ut-Tahrir Bewegung kennengelernt hatte. Ich war noch ein frischer Student an der Uni Wien, der sich gerade in der großen Stadt zurechtzufinden versuchte. Neue Freunde, welche Vorlesungen sind wo, welches Mädchen aus der Ringvorlesung gefällt mir besonders gut. Weltliche Sorgen, die man am Anfang eines Studiums halt so hat. In der Nähe der Hauptuni gibt es das afro-asiatische Institut, das von der Erzdiözese Wien (also der katholischen Kirche um es kurz zu fassen) betrieben wird und die einzige muslimische Gebetsmöglichkeit im Umkreis der Uni war. Muslimische Studenten, die beten wollten, fanden sich dort also ein. Außer Konkurrenz – sozusagen.
Ein muslimischer Studienkollege hat mich immer wieder eingeladen, ihn zur Freitagspredigt im besagten Afro-Asiatischen Institut zu begleiten. Und da ich zu oft abgelehnt hatte und es an einem gewissen Punkt unangenehm geworden war, habe ich schließlich eingewilligt – im Herzen betend, die Freitagspredigt möge kurz und knackig werden. (Tatsächlich hängt die Länge dieser Predigten vom Gusto des Imams/Vorbeters ab. Wenn er gerade Redebedürfnis hat, kann es schon mal ein Geduldsspiel werden.) Die Predigt war dann auch sehr lang, aber vor allem bemerkenswert politisch. „Wir Muslime“ war der beständige Tenor, der eher wie ein Aufruf zur Abschottung wirkte. Was ich damals noch nicht wusste, war, dass diese Predigten quasi der Hizb-ut-Tahrir (also Kalifat & Scharia für alle) in Person eines gewissen Shaker Assem überlassen worden waren, der nach der Predigt im Cafe nebenbei noch „Weisheiten“ zum Besten geben durfte.
Jahrelang durfte also eine solche Gruppierung, eine solche Ideenwelt die Köpfe junger, muslimischer Studenten vergiften. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, liefen sie eben außer Konkurrenz. Es gab kein anderes Angebot, weder räumlich, noch sprachlich, denn es waren (und sind) nach wie vor vor allem islamistisch inspirierte Gruppen, die auf Deutsch predigen müssen, weil ihre Anhängerschaft eben Ethnien-übergreifend ist. Warum unsere Gesellschaft einen solchen Fehler über viele Jahre hinweg gemacht hat, erschließt sich mir bis heute nicht. Ich hatte Glück, weil ich zu dem Zeitpunkt mehr an Partys interessiert war und generell eine innere Abscheu aufbaue, wenn jemand schwülstige Reden schwingt, um mich emotional zu manipulieren.
Zurück zum heutigen Interview. Als ich gerade eine der Fragen des Redakteurs beantworte, kommt mir eben diese Episode in meinem Leben in den Sinn. Doch dann erkenne ich den Zusammenhang zwischen damals und heute. Die Methoden mögen sich geändert haben, die Gebetsräume weniger relevant geworden sein, als die virtuellen Freiräume, die sich Islamisten erobert haben. Aber, und das ist unsere größte Tragödie, sie laufen damals wie heute – außer Konkurrenz. Es gibt keine Alternativen für junge Muslime, die auf Social Media sind und zu relevanten Fragen informiert werden wollen. Man hat im Grunde nur die Wahl zwischen diversen Islamismen. Dieser geistige Beton aus Demokratiefeindlichkeit, Ablehnung von Säkularismus und eine sich selbst replizierende Opfer-Rhetorik führen dann eben zu jenen Ergebnissen, die uns Studien immer wieder vor Augen führen. Wir ernten also, was wir Islamisten säen lassen.