Meine Wahlkampfhilfe für die FPÖ

Ja, ich habe der FPÖ im Wahlkampf geholfen. Meine Artikel wurden etwa vom Account „HC Strache“ via Twitter und Facebook geteilt. Und nein, ich bereue es nicht und würde meine Artikel genau so wieder schreiben. Gerade weil es im Grunde nicht um die FPÖ geht, sondern um Migranten in Medien und Politik.

Ausgangslage

Es fing harmlos an. Ich sollte für daStandard die türkeistämmigen Newcomer unter die Lupe nehmen. Insbesondere die beiden Großparteien hatten kurz vor dem Sommerbeginn türkeistämmige Community-Kandidaten aus dem Hut gezaubert. Ohne großen Elan begann ich die Vorrecherche. Zwei Namen sorgten für eine leichte Aufmerksamkeitssteigerung: Vural und Gönültas. Die ÖVP hatte mit Vural einen AKP affinen Wirtschaftsbünd’ler aufgestellt, der etwa die Pro-Erdogan-Demo unterstützt hatte. Die SPÖ hatte mit Gönültas dieses Mal einen direkten [sic] Kandidaten der Milli Görüs in Österreich (sprich Islamische Föderation) aufgestellt. Beide waren schlecht gereiht, die Chancen gering, aber das schert ideologisch aufgeladene Alphamännchen nicht.

Beide Lager keilten um die konservativen Austro-Türken. Einer sozio-politischen Gruppe, die in Österreich sträflich vernachlässigt worden war. Daher sind sie durch Demagogen besonders gefährdet. Beide Herren und deren Anhänger kämpften also um die gleiche Wählerschaft. Es schaukelte sich hoch. Und immer höher. Wir reden von Drohungen, Nötigungen, Bestechungen, gehackten Mail- und Facebook-Accounts, Drohgebärden an Zeitungsmacher und vieles mehr.

Alles Dinge, die nicht nur rechtlich unzulässig sind, sondern auch meinen elementaren Werten zuwiderlaufen. Dinge, die mich und nicht nur mich menschlich erschüttert haben, sondern auch noch einen besonderen Aspekt beinhalten. Die Bigotterie. Von hehren Idealen und hoher Moral sprechen die Vurals und Gönültas dieser Welt. Sie sprechen die Menschen intuitiv auf einer emotionalen Ebene an. Ihre im Grunde unschuldigen Gefühle hin zur alten Heimat, hin zur Religion oder hin zu den universellen Werten der Menschheit an sich. Und während sie dies tun, sind sie brutal und rücksichtslos und bar jeder Moral, wenn es um den Eigennutz geht. Selbst Iblis würde ein solches Verhalten beschämen, da bin ich mir sicher.

Und diesen Leuten unkritisch begegnen? Niemals. Auch wenn es in diesem Kontext einer xenophoben, destruktiven Partei Munition geliefert hat.

Mündige Migranten

Wer sich als Kandidat für eine Wahl aufstellen lässt, ist als mündig zu betrachten und dementsprechend zu behandeln. Ob er nun Migrant, Muslim, Türke oder Bio-Österreicher, Agnostiker und Nachfahre der „Ziegelbehm“ ist. Die Gleichbehandlung ist aber keine Bestrafung oder Gemeinheit, sondern sogar ein Entgegenkommen und Gefallen. Nur durch dieses Entgegenkommen entkommt man dem unfreiwilligen „Anders-Sein“ und darf die bewusste Politiker-Identität annehmen. Aber die Vurals und Gönültas dieser Welt reflektieren nicht gerne. Das haben sie nicht gelernt, weil Reflektion als Gefahr für hierarchische Milieus betrachtet wird. Man hat ihnen beigebracht zu funktionieren, als Teil eines Kollektivs, als einsame Individuen würden sie einfach eingehen und sterben.

Ich habe also über Vural und Gönültas geschrieben. Ich habe es nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Eine kritische Distanz aufgebaut und diese gehalten. Wie wichtig diese kritische Distanz insbesondere für migrantische Journalisten ist, hab ich selbst erlebt und auf die harte Tour erfahren. Ich bin türkischstämmig und sunnitisch und wollte immer Journalist werden, seit ich das erste Mal einen Wahlabend bewusst erlebt habe. Aber die Ressentiments gegen „Türken“ und „Muslime“ in diesem Land haben mich auch stark geprägt und politisiert. Als ich am Anfang meiner „Karriere“ (schön wärs) einen Artikel über Islamophobie schreiben sollte, habe ich vergessen, dass ich Journalist war und hab es als Aktivist geschrieben. Die Strafe folgte auf dem Fuß und verschaffte den Islamophoben sogar einen kleinen Sieg – und es war meine Schuld. Weil ich mich emotional nicht distanzieren hab können. Eine bittere, aber lehrreiche Niederlage.

Als migrantischer Journalist über die eigene Community schreiben oder eben die eigene Politisierung aussparen. Das ist die eigentliche Herausforderung (dass uns die bürgerliche Journalistenschaft nicht wirklich inkludieren will übrigens auch). Daher hab ich etwa über die Vural’sche Wahlkampfveranstaltung so berichtet, wie es war, obwohl ich wusste, dass dies so ziemlich alles bestätigen würde, was die FPÖ im Laufe der Jahre so an Vorwürfen angesammelt hatte. Aber ich bin Journalist, das war meine Aufgabe.

Die Schuldfrage

Ich werde nicht über die wüsten Beschimpfungen berichten, das ist nebensächlich, das muss man stemmen können. Ich wäre unsolidarisch mit meinen „Mit-Türken“ oder „Mit-Muslimen“ gewesen. Ein beeindruckender Beweis für meine These weiter oben. Die konsequente Bigotterie in der Community. Man will muslimische und/oder türkischstämmige Journalisten in Ö. bis man merkt, dass diese im Fall der Fälle eben Journalisten sind und nicht etwa Schreiberlinge von Communitys Gnaden.

Ich will es ganz offen sagen. Die größte Wahlkampfhilfe für die FPÖ kam von den beiden Herren und ihren Anhängern. Denn diese haben sich außerordentliche Mühe gegeben, jedes aber wirklich jedes Vorurteil zu bestätigen und noch zu bestärken. Und meine Rolle? Ich habe auf Missstände hingewiesen, wo ich konnte und hab mich emotional nicht involvieren lassen, denn das machen Journalisten nun einmal: Sie weisen auf Missstände hin.

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