Es ist immer gut und wichtig, auf die eigenen blinden Flecken im Leben hingewiesen zu werden. Neue Erfahrungen zu machen, als ob ein Kind das Sprechen erlernt. Im Vorfeld der Wiener Landtagswahl wurde ich von zwei, roten Politikern auf die Wahlbeteiligung angesprochen. Das hat mich überrascht. Ich dachte, man würde mich auf FPÖ, SÖZ und Liste Gaza ansprechen, aber wir sprachen vor allem über die Wahlbeteiligung.
„Warum gehen so wenige wahlberechtigte Migranten nicht zur Wahl?“ Eine gute Frage, aber eine, die ich nicht so recht beantworten kann. Während die üblichen NGO-Kreise das Thema Wahlrecht und Staatsbürgerschaft thematisiert haben, hatten wir hier in der realen Welt also ein ganz anderes Phänomen. Migrantische Österreicher, die wählen dürften, aber nicht wählen wollen. Wie sehr sich doch die Perspektiven von Realpolitikern und NGOs unterschieden, nicht wahr?
Und dann kam der Wahltag. Die Ergebnisse trudeln ein und ich merke, wie ich plötzlich nicht mehr nur auf die Farbbalken achte, sondern auf die Wahlbeteiligungen. Ich habe sie nie so bewusst wahrgenommen, wie bei dieser Wahl. Vor allem da ich gemerkt habe, wie sehr – unabhängig von parteipolitischen Präferenzen – die Beteiligungen von Bezirk zu Bezirk variieren.
Beispiel gefällig? Neubau, der 7. Bezirk und die heimliche Kapitale alles Grünen im Land, hält bei 72% Wahlbeteiligung. Von 2020 auf jetzt ging es ein wenig runter und zwar von 74%. Die Josefstadt steigerte sich sogar von 76% auf 2025 76,3% (!). Das Bildungsbürgertum geht also pflichtbewusst wählen. Favoriten hingegen, rotes Flaggschiff und ehem. Arbeiterbezirk, hatte nur 55%. Fast jeder zweite Wahlberechtigte ging also nicht wählen. In Simmering ein ähnliches Bild: Nur 54%.
Die siegestrunkenen Parteipolitiker (bis auf den Wahlverlierer in Schwarz) wollen das vielleicht nicht sehen, aber ich fürchte, dass diese Zahlen eine Botschaft in sich tragen, die wir allesamt hören sollten. Oder wie es ein roter Politiker – auf die geringe Wahlbeteiligung angesprochen – sagte: „Es rächt sich halt, wenn man sich nur unmittelbar vor Wahlen blicken lässt“.
Ich hoffe, ich irre mich, aber wir könnten hier am Vorabend einer demokratiepolitischen Wende stehen. Viele Mitbürger scheinen sich von der etablierten Politik abzuwenden – zumindest in den sozio-ökonomisch benachteiligten Bezirken a la Favoriten.