Der Tod eines Onkels

Was bleibt, sind Erinnerungen. Denn der Tod ist endgültig. Nur die Erinnerungen an die Verstorbenen sind letzte, flackernde Lichter des gelebten Lebens. Daher erinnern wir uns – so lange wir können. Mein Onkel ist verstorben. Er war schon länger erkrankt, doch leider wurde seine Krankheit zu spät diagnostiziert. Demenz. Eine tückische Krankheit. Meist wird sie erst erkannt, wenn der Erkrankte ohnehin schon im letzten Stadium ist. Danach geht es meist schnell. Zuerst der kognitive Verfall und alsbald zehrt es auch die einst gesunden Körper von innen auf. Nach meinem Opa ist das schon der zweite Todesfall in der Familie. Das macht nachdenklich und mahnt uns auch, die Vorsorge nicht zu vergessen. Denn der Tod kommt schleichend.

Ich mochte meinen Onkel. Er war lustig, laut, ein Lebemann halt. Er war angeheiratet, kein geborener Aksak. Er tanzte gern, er trank gern, er sang gern. Im Gegensatz zu ihm, sind wir Aksaks ja blutleere Phlegmatiker. Er war witzig – und ich sage es nur ungern – , aber wohl sogar witziger als ich es bin. Und wenn er seinen italienischen Lieblingswein trank, den er auf seinen Fahrten als LKW-Fahrer kennen und lieben gelernt hatte, war er entfesselt. Eine One-Man-Show. Ich kann mich noch erinnern, wie er mich auf der Hochzeit meiner Cousine regelrecht am Kragen packte und mir ins Ohr brüllte: „Zeigen wir diesen Jugos wie Türken tanzen, Timur!“ Meine Cousine hatte einen bosnisch-stämmigen Mann kennengelernt und ihn später geheiratet. Die Hochzeit selbst war also ein bosnisch-türkische Melange und mein Onkel wollte sicherstellen, dass man die Seite der Braut ja nicht vergaß.

Jetzt branden all diese Erinnerungen hoch, während ich das hier schreibe. Auch die traurigen.

Wir waren im Garten meiner Eltern. Ich war gerade am Faulenzen und Radler trinken. Mein Onkel und die Tante kamen überraschend vorbei und saßen sich dazu. Als er sah, wie ich an meinem Radler nippte, wollte er natürlich auch eines. „Timur, hol deinem Onkel auch eines, sei so lieb“, sagte er fordernd. Das hatte mich etwas geärgert. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Da war ich auch schon 35 und wollte nicht mehr wie ein Lausbub als Kellner fungieren. Aber da war er ja schon krank. Hast du es damals schon gespürt? Wut, Schlaflosigkeit, eine wiederkehrende Taubheit in den Gliedern, Onkel? Wolltest du deswegen nicht aufstehen und dir selbst ein Bier holen? Warst du zu stolz, um zu sagen: „Liebe Familie, es geschieht etwas mit mir und ich weiß nicht was. Bitte bringt mich in ein Krankenhaus und lasst mich von oben bis unten untersuchen.“

Es war zu spät, als die Diagnose kam. Du warst schon länger sichtlich krank, aber du hast dich gegen das Schicksal gewehrt. Denn du warst Veli. Nein, du bist Veli. Veli, der das Leben liebte.

Veli, der Lustige.
Veli, der Tänzer.
Veli, der gute Onkel, an den ich mich gerne erinnere und erinnern werde.

Gute Reise, Onkel. Eines Tages werden wir wieder allesamt vereint sein. Das will ich glauben. Kühl schon mal die Radler ein und besorg uns ein paar Flaschen deines Lieblingsweins. Wir werden uns viel zu erzählen haben.

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