Wer spricht für „die“ Muslime?

Es ist ein altes Ärgernis, wenn ich lesen und hören muss, wer sich so aller als Fürsprecher „der“ Muslime ausgibt. Das ärgert vor allem deswegen, weil diese selbst ernannten Fürsprecher – insbesondere auf Social Media – sehr erfolgreich damit sind. Auch dank tatkräftiger Unterstützung naiver Narren aus Politik und Medien. Stellt es euch mal so vor: Auf Twitter würde jemand ständig für „die“ Österreicher oder „die“ Katholiken sprechen wollen. Man würde ihn bestenfalls belächeln oder bei hartnäckigem Verhalten kritisch beäugen, oder? Aber wenn es um Muslime geht, scheint es eine Art Missverständnis auf mindestens zwei Seiten zu geben: Die ganzen Polit-Muslime, Verbands-Funktionäre und rabiaten Aktivisten scheinen sich selbst für eine Art Gottesgeschenk – pardon, Allahgeschenk – zu halten, das selbstverständlich für eine große und sehr, sehr diverse Masse sprechen dürfte. So weit, so präpotent. Auf der anderen Seite haben wir jene, die ich liebevoll naive Narren nenne, die aber in ihrem Tun meist durchaus gefährlich sind und sein können. Denn sie glauben nicht nur, dass „die“ Muslime quasi-offizielle Fürsprecher hätten, die sie dann wiederum in Medien und Politik lediglich abzubilden bräuchten, nein, sie sind in einem sehr problematischen Mindset gefangen, weil sie wirklich annehmen, Muslime seien eine gesichtslose, politische Verschubmasse, die eine Art „Ober-Imam“ hätten, auf den sie hören würden. Für beide Gruppen ist es nicht vorstellbar, dass Muslime mündige Individuen sind, die nicht nur in ihrer Gesamtheit sehr divers, politisch, religiös wie auch sozial uneins sind (das ist etwas Gutes!), die eben keines Fürsprechers oder „Ober-Imams“ bedürfen. Jene Muslime, die ein solches Bedürfnis haben, zeigen das ja ohnehin durch ihre Mitgliedschaft, Sympathie oder Gefolgschaft in politisch-religiösen Zusammenkünften. Muslimbrüder, Milli Görüs, sonstige konservative und reaktionäre Strömungen, ihr wisst, wer gemeint ist, gell. Diese Menschen haben gewählte oder angeblich *erwählte* Fürsprecher und diese sollen gerne für ihre Gruppierungen sprechen, aber bitte nur für ihre und nicht für alle Muslime oder die so genannte „Ummah“. Weil da fängt das Elend an. Denn wer solche Fürsprecher hat, braucht wahrlich keine Rechtspopulisten oder sonstigen Ungustl mehr, die Ansehen des Islams in der Öffentlichkeit verschlechtern.

Apropos „Ummah“: Die Politisierung dieser im Grunde rein gedanklich-spirituellen Gemeinschaft aller Muslime finde ich wirklich beängstigend. Allein die Absicht alle Muslime auf einen Nenner (religiös, politisch,…) bringen zu wollen, ist vielsagend, aber nicht im Guten. Stellt euch vor, jemand würde öffentlich propagieren, alle Österreicher hätten gleich zu denken und zu handeln. Beklemmende Vorstellung, nicht wahr? Aber genau das ist die Absicht jener Polit-Muslime, die sich anmaßen für „die“ Muslime zu sprechen. Ihnen ist die Brisanz und auch Problematik nicht bewusst (oder sehr wohl, aber dann haben wir ein ganz anderes Problem) und sie propagieren eine Ummah-Gemeinschaft, die eine bedenkliche Nähe zu totalitären Ideen und Narrativen hat. Als Demokrat – unabhängig von der Konfession – ist bereits ein solches Ansinnen abzulehnen und zu brandmarken.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich will nicht, dass irgendwer für mich spricht. Viele Muslime wissen nicht mal, wer da aller für sie spricht (im politmedialen Mikrokosmos) und wenn sie es in Erfahrung bringen, sind die meisten (persönlicher Eindruck über viele Jahre) eher peinlich berührt bis empört. Also liebe Polit-Muslime und liebe Narren der naiven Gemütslage, lasst „die“ Muslime in Ruhe und wenn ihr für jemanden sprechen wollt, dann bitte nur für euch, damit der Schaden in der öffentlichen Debatte überschaubar bleibt.

Euer,
RTA

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s