Putins Spin und Erdogans Dilemma

Kommunikation ummantelt Außenpolitik.
Eine Außenpolitik, die nicht auf „guter“ Kommunikation beruht, ist eine, die das Scheitern riskiert.

Putin kommuniziert seine Haltung in der Syrien-Politik „gut“.
Gut im Sinne von: Es gibt ein einheitliches Narrativ, das durchgezogen wird und dem man treu bleibt. Seine Außenpolitik passt zu seiner entsprechenden Kommunikation.

Erdogan kommuniziert seine Haltung in der Syrien-Politik „wirr“.
Wirr im Sinne von: Er wechselt Frames, Zielsetzungen und Absichtserklärungen in einem Tempo ab, dass man meinen könnte, er kommuniziert, „wie ihm gerade der Sinn steht.“ Das ist im digitalen Zeitalter erstens problematisch, weil Beobachter sehr schnell Brüche in der Kommunikationslinie vernehmen und zweitens heikel, weil damit ein einheitliches Narrativ kaum etablierbar ist.

Ein aktuelles Beispiel aus der umkämpften syrischen Provinz Idlib:

Putin hat ein Narrativ: Die „syrische Armee“ (gemeint sind eigentlich Milizen Assads und pro-iranische Gruppen) kämpft gegen „Terroristen“ (daher ist jedwede Gewaltanwendung und Bombardierung legitim sozusagen).

Gestern, am 20.02.2020 also, ließ sich das russische Verteidigungsministerium zitieren:
„Die Türkei möge die Unterstützung für Terroristen in Syrien einstellen.“

Putin hat also ein klares Narrativ und führt diesen Strang beständig weiter.

Erdogan hat kein klares Narrativ: Das kann man daran festmachen, dass ich keinen Satz formulieren kann, der seine Position im aktuellen Konflikt wiedergibt. Die Frames, die dabei von türkischer Seite (sprich Erdogan) gesetzt werden, sind wirr.

Wenn Erdogan die „Syrische Nationalarmee“ erwähnt, spricht sein Verteidigungsminister Akar am gleichen Tag von „moderaten Rebellen„.

Die zwei Frames sind also nicht nur unterschiedlich, sondern sind bezüglich „moderate Rebellen“ auch brisant. Denn wenn man von „moderaten Rebellen“ spricht, gibt man damit auch zu, dass es eben extreme Kräfte gibt. Und damit findet Putins Narrativ nahtlos Anschluss an Erdogans Kommunikationslinie, die aus meiner Sicht als chaotisch oder zumindest naiv zu betrachten ist.

Ein weiterer Aspekt ist, dass „Rebellen“ weitaus weniger Legitimität in der öffentlichen Debatte besitzen als eine im Zuge der letzten Feldzüge nahe der türkisch-syrischen Grenze etablierten „Syrischen Nationalarmee“.

Ich könnte diese Liste noch sehr lange fortführen. Aber ich denke, es reicht, wenn ich an dieser Stelle eine kurze Conclusio aufbiete und damit schließe.

Putin kommuniziert klar und einheitlich.
Erdogan laviert und wechselt Frames scheinbar nach Belieben.

Das verschafft der außenpolitischen Linie Putins Pluspunkte, während Erdogans Linie für Dritte kaum greifbar oder nachvollziehbar erscheint.

Für jene Fans Erdogans, die sich nach der Lektüre womöglich ärgern, würde ich gerne einen Lesetipp geben, damit sie ihren Ärger in konstruktive Bahnen lenken können:
Elisabeth Wehling, „Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet“ (2016)

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