Wie Mesut Özil die Augen öffnet

Wenn man als junger Ausländerbub auf dem Fußballplatz steht, stellt man sich früh die große Frage. Würde ich eines Tages, wenn es so weit käme, für das Land meiner Geburt auflaufen wollen, oder doch für die stets verklärte Heimat der Eltern und Großeltern. Ich denke, Mesut Özil hat sich diese Frage auch schon früh gestellt. Aber so wie wir alle, kam er nie auf eine klare Antwort, sondern wog ab, verwarf und war dann doch jedesmal
froh, wenn die konkrete Entscheidung noch in ferner Zukunft gelegen hat.

Mesut hat seine Entscheidung getroffen, er entschied sich für Deutschland aufzulaufen. Ich werde nicht lügen, auch ich war damals enttäuscht und das nicht nur aus sportlichen Gründen. Denn die Entscheidung eines Özils war weitreichend und nicht nur für andere türkischstämmige Spieler, sondern für uns alle. Auch jenseits der deutschen Grenzen. Denn diese bohrende, quälende Frage kam nun öfter in den Sinn: Hatte Mesut recht, hatte er die richtige Entscheidung getroffen und waren wir anderen, die wir ihn kritisiert hatten, nur feige Träumer, die von der Identifikation mit einem Land träumten, das niemals wirklich unseres war?

Denn Mesut war kein assimilierter Deutsch-Türke. Nein, er ist bis heute gläubig und praktizierend und blieb auch kulturell der Heimat seiner Eltern aus dem türkischen Zonguldak verbunden. Das war ja das Beängstigende für uns Deutsch-, aber auch Austro-Türken. Man musste sich anscheinend doch nicht assimilieren, sich selbst oder zumindest einen Teil seiner selbst verlieren, um für das Land seiner Geburt zu spielen. Der politischen und medialen Öffentlichkeit entging wohl die Tiefe und Brisanz dieser Entscheidung. Bis heute.

Denn ansonsten hätten sie Mesut, aber auch Ilkay (Gündogan) niemals so schäbig behandelt, wie sie es tun und weiterhin zu tun beabsichtigen. Und machen wir uns nichts vor, denn dieses Problem geht weit über die Bierhoffs und Matthäus hinaus. Es trifft immer auch den Kern einer echten Integrationsdebatte.

Kann man aus der Ausländerecke raus und als einer der Ihren „Gleicher unter Gleichen“ werden? Die bittere Antwort haben der deutsche Boulevard, der deutsche Fußball,
die deutsche Öffentlichkeit in beängstigender Weise gegeben. Denn in der Ausländerecke bleibst du immer, auch wenn du ein Spitzenfußballer und Weltmeister geworden bist.

Das weiß auch der ehemalige, englische Nationalspieler Ian Wright, wenn er sagt: „Fußball hat nicht die Macht, Rassismus zu bekämpfen.“

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