Freiheit im Glauben

„Ohne Sünde bleibt der Glaube ungeprüft. Erst wenn man die Finsternis gesehen hat, weiß man das Licht zu schätzen.“

Ich kann mich noch gut an den Gesichtsausdruck eines guten, frommen Freundes erinnern, als ich diesen Satz (so in etwa) zwischen Shisha und Schwarztee hingeknallt hatte. Und es war keine versuchte Provokation, es war ein ehrlicher Satz inmitten
eines fruchtbaren Gesprächs über Sünde, Vergebung und wie eine ideale Gesellschaft sein könnte.

Zwei Muslime, die unterschiedlicher nicht sein konnten, sprachen offen miteinander, ob man Sünden verbieten sollte, um Muslime vor Schaden zu bewahren. An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich weder Skeptiker noch Liberaler bin. Vernunft und eine gute
Portion Intuition sind meine Weggefährten, wenn es um Schnittbereiche zwischen Religion und Gesellschaft geht.

Der Kollege meinte, es sei gut und richtig, wenn man quasi die Sünde verhindere, in dem man Dinge wie Alkohol, Drogen oder eben Glücksspiel komplett verbiete. Denn das sei dann ein Dienst an den Mitmuslimen. „Aber wieso willst du den Muslimen die Freiheit nehmen zu entscheiden, wie sie leben wollen?“, habe ich damals erwidert. Wie soll man wachsen und gedeihen, wenn man nie der Dürre oder der sengenden Sonne ausgesetzt war? Muslime, die in eine Art Kokon der scheinbaren Rechtschaffenheit aufwachsen, werden sich niemals wieder an ein Leben außerhalb eines solchen Kokons gewöhnen können. Das war und ist meine Befürchtung. Auch wenn ich die noble Absicht meines Gegenübers durchaus gesehen hab, so wäre die unmittelbare Auswirkung eine völlig andere.

Selbst die Hölle, oder gerade die muss man sich verdienen. Just wie das Paradies, so steht auch ihr Gegenstück am Ende eines Weges selbstbestimmter Entscheidungen. Doch wenn eine Gesellschaft nun diese Entscheidungen dem Menschen abnehmen würde, so würde auch die Gabelung zwischen Paradies und Hölle aufgehoben sein. Warum sollte man das tun, wenn jeder Muslim für sich ein Leben lebt, Entscheidungen treffen und ein eigenes Gewissen kultivieren muss? Mein Gegenüber beharrte darauf, dass der Nutzen überwiege, schließlich hülfe man dabei Menschen ins Paradies eingehen zu lassen.

Also holte ich aus. „Was wäre,“ fagte ich, „wenn an der Pforte zum Paradies eben jene Geschöpfe, die nie auch nur eine Ahnung von der Finsternis bekommen hatten, gefragt würden, was sie denn für den Eintritt qualifiziere?“ Sie würden wohl schweigen; sie könnten wohl nur schweigen. Auch wenn sie eintreten dürften, so täten sie dies mit gesengtem Kopf. Doch jene, die die Finsternis gesehen hatten, gesündigt, aber auch auch bereut hatten, diese könnten auf die Frage mit Ruhe und erhobenen Hauptes antworten. Denn sie hätten von den Sorgen, Verlockungen und Risiken eines irdischen Lebens keine bloße Vorstellung. Sie hatten gelebt, Fehler gemacht, aber auch die Chance erhalten, Fehler zu bereuen, Wiedergutmachung zu leisten.

Freiheit im Glauben; ein spannendes Thema. Und da kommt mir gerade ein Zitat von Camus in den Sinn:

„Ich kann von der Freiheit nicht bloß die Vorstellung des Gefangenen oder die des modernen Individuums im Staate haben. Die einzige Freiheit, die ich kenne, ist die des Geistes und des Handelns.“

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