PKK-Staat von Washingtons Gnaden

Der syrische Bürgerkrieg treibt seltsame Blüten. Schiitische Jihadisten von Teheran geführt und ausgerüstet stützen einen säkularen Diktator namens Assad. Zwei NATO-Länder, die beide direkt in Syrien involviert sind, stehen am Rande eines Schlagabtausches – da die USA außer den PKK-Kurden keine Verbündeten gefunden haben, ist der Konflikt mit den Türken und ihren syrischen Aliierten wiederum vorprogrammiert.

Ankara reagiert nicht auf Kurden allergisch, wie in westlichen Gazetten gerne behauptet wird, sondern auf alles, was der PKK auch nur nahe kommt oder nahe zu stehen scheint. Das Problem ist, dass die PKK und ihre Ableger einen guten Teil der Kurden an sich binden konnten und können. Wenn Ankara also sagt, man agiere nicht gegen die Kurden als Gesamtes, so stimmt das zwar, aber dennoch kämpft man gegen einen guten Teil der Kurden in der Türkei und Syrien. Die PKK und ihre zahllosen Ableger sind die wohl größte genuin kurdische Organisation. Natürlich hilft die PKK ihrer Popularität nach, in dem sie eine Terrorherrschaft etabliert. Das heißt, wenn du dich nicht für eine Mischung aus Nationalismus und post-stalinistischer Organisierung erwärmen kannst, solltest du das Weite suchen.

Doch um den terroristischen und totalitären Kern der PKK geht es mir heute nicht. Es geht mir mehr um den Umgang Ankaras mit einem möglichen semi-staatlichen Gebilde im Nordosten Syriens, das von Washington geschützt wird. Für Ankara ist ein dauerhaftes PKK-Gebiet, abseits der Gefahr durch kurdische Eigenstaatlichkeit, auch deswegen ein Horrorszenario, weil die PKK nach Teilen des Nordirak (Kandil Gebirge, Anm.) nun auch Teile Syriens als sicheren Rückzugsraum nutzen kann, um Anschläge in der Türkei auszuführen. Washingtons Beteuerung dies würde man zu unterbinden wissen, sind nicht einmal gutgemeinte Lügen. Washington hat sich in Syrien – noch zu Zeiten Obamas – ins Aus manövriert und muss nun mit eingetragenen Terroristen zusammenarbeiten, damit es nicht endgültig aus der Levante fliegen.

Doch ein sündiger Gedanke kommt mir immer wieder, wenn ich an einen PKK-Staat denke: Wäre es für die Türkei wirklich so schlimm? Hätte ein solches Gebilde nur Nachteile zu bieten?

1)
Denken wir mal rein rational und lassen die Gefühle aus dem Spiel. Was ist die konkrete Gefahr durch die PKK? Es ist der Guerilla-Kampf. Hit and Run. Damit tun sich klassische Armeen besonders schwer, auch wenn die türkische durch große Opfer errungene Erfahrungen und Erfolge vorzuweisen hat. Wenn also die Stärke der PKK ihre Hit-Run Taktik ist, dann müsste sie im Falle von Rojava (so nennen sie ihren Teil Syriens) Territorium verteidigen. Das heißt, sie müsste linear kämpfen, Grenzen bewachen, Logistik etablieren usw. Gegen eine solche gewandelte PKK-Miliz würde sich die türkische Armee (wie jede andere Armeestruktur) erheblich leichter tun.

2)
Wer Staatlichkeit probieren will, kann zur Verantwortung gezogen werden. An dieser Stelle kann man kurz an die Hamas im Gaza-Streifen denken, denn die Parallelen sind gegeben. Wann immer also ein Angriff auf eine türkische Grenzstation gemeldet wird, kann Ankara Grenzposten, Logistikzentren und Kasernen der PKK in Syrien als „Strafe“ bombardieren. Das wiederum könnte einen unmittelbaren Lerneffekt auslösen, dahingehend dass die PKK die militärischen und politischen „Kosten“ eines fortgesetzten Guerilla-Kampfes gegen die Türkei für zu hoch einschätzt und sich auf die eigene Hausmacht in Syrien konzentriert. (Ich halte hier alles bewusst im Konjunktiv.)

3) Kurdischer Nationalismus bleibt eine Konstante in der türkischen, iranischen, irakischen und syrischen Innenpolitik. So lange die Kurdenfrage nicht geklärt ist, werden militante und terroristische Gruppen wie die PKK immer neue Rekruten und Anhänger finden. Das muss man in der Klarheit auch sagen können. Wenn kurdischer Nationalismus in der Türkei also ohnehin eine Rolle spielen wird, dann ist die Existenz kurdischer oder eben PKK-kurdischer Enklaven und/oder Territorien nur dahingehend relevant, ob sie denn Nationalismus und Bereitschaft zur Militanz befeuern oder nicht. Ich tendiere zu letzterem. Junge, arbeitslose Männer sind dankbare Opfer für radikale Ideologien, ob nun nationalistisch oder eben islamistisch. Das bedeutet, junge Kurden und Kurdinnen werden zum Kampf bewegt werden können, solange sie „Abnehmer“ finden. Die Lagerfeuer-Romantik, die die PKK-Propaganda hierzu bereitstellt, wird jedoch in dem Maße verblassen, wie die tägliche Arbeit im eigenen Territorium hart und ernüchternd sein wird. Kurz gesagt: Kein „Heldentum“ mehr, sondern nur noch Grenzwache, Patrouille und Objektsicherung. Eigenes PKK-Territorium und die täglichen Sorgen, die so etwas mit sich bringt, könnten also einen heilsamen Effekt auf das Abenteurertum junger KurdInnen haben.

4)
Die PKK und ihr zum Abgott verklärter Gründer Öcalan, der sich weiterhin in türkischer Haft befindet, können in Nordost-Syrien nun das ausprobieren, was sie stets wollten. Kurdische Eigenstaatlichkeit im Korsett einer rigiden, totalitären Diktatur leben. Das würde ja jenen KurdInnen in der Türkei eine Tür öffnen, die sich ansonsten schnell (und zu recht) in türkischen Zellen wiederfinden. In „Rojava“ wären ihre Ideen Staatsräson und ihre Hingabe an Öcalan nicht nur gewünscht, sondern unabdingbar. So könnten also nationalistische Kurden nach Rojava emigrieren und die demokratischen Kurden in der Türkei somit in Ruhe arbeiten und leben lassen. Das wird zwar den kurdischen Ultra-Nationalismus, den es auch gibt, nicht zufriedenstellen, doch ein Teil der nationalistischen Utopisten hätten im neuen PKK-Staat genug eigene Sorgen.

5)
Das sind alles nur mögliche Szenarien, die viel Geschick, Glück und konkrete diplomatische, politische und militärische Anstrengungen bedürften. Und es ist mir noch einmal ein Anliegen festzuhalten, dass ich die Gefahr, die durch die PKK (auch bei hier uns in Österreich) ausgeht, nicht kleinreden will. Die PKK bleibt eine brandgefährliche, Janus-köpfige Organisation mit vielen Sympathisanten unter europäischen Linken. Dennoch muss man Probleme auch einmal von der anderen Seite „andenken“, auch wenn es am Ende nur eine Gedankenspielerei gewesen sein mag.

 

 

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