Nach der Integrationsdebatte

Vor zwei Wochen saß ich noch in einem Dorfcafe Anatoliens, sprach mit zwei Landwirten über die bevorstehende Bohnenernte (rote Barbe / barbunya) und die Auswirkungen des Massentourismus auf die türkische Landbevölkerung an der Südküste.

Gestern gratuliert mir unsere Nachbarin in Kufstein zu meinem – vergangenen – Geburtstag. Wir reden dann über ihre beiden Söhne und ihre neue Gartengestaltung.

Warum ich das erzähle? Weil ich mich in zwei Welten bewege und das gerne tue. Ich würde auf mein beständiges Grenzgängertum nicht mehr verzichten wollen. Man hat sich also nicht zwischen den Alpen und Anatolien zu entscheiden, nein, man hat beide Welten zu durchdringen, zu leben.

Wenn ich heute in einer Tiroler Grenzgemeinde wie ein Fisch im Wasser sein kann, dann will ich das auch in einem Istanbuler Cafe oder in einem anatolischen Dorf sein. Alles andere, also der Verzicht auf eine der beiden Welten ist ein unersetzlicher Verlust.
Und schmerzhaft.

Als ich jünger war, hab ich mir einreden lassen, man müsse sich irgendwie und irgendwann entscheiden. Weil das die Integration eben verlange. Und wie so viele junge Menschen meiner Generation hab ich diesen Quatsch auch wirklich geglaubt. Daran leiden auch heute noch viele von uns. Die Arzus, die Ivans.

Und warum? Weil wir uns von (im Grunde unkundigen) Leuten einreden lassen, der Integration würde es helfen, wenn man sich vom Balkan oder von Anatolien abwendet, von Familie und Freunden dort abwendet, in der Hoffnung dadurch mehr oder eher integriert zu sein. Was für ein Irrglaube.

Heute weiß ich, dass wer sich, beiden oder eben vielen Welten bewusst zuwendet, nicht nur reicher an Geschichten, Erfahrungen, Gerüchen und Eindrücken wird, sondern auch in jeder dieser Welten einen Mehrwert zu bieten hat. Man soll sich also nicht zwangsbeglücken lassen und freiweillig auf Reichtum im Sein verzichten.

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