Vergange Kriege

Die Nachfahren der ersten Gastarbeiter aus der Türkei sind aus einem einfachen Grund in Österreich und anderen europäischen Ländern zuhause: Weil die türkische Gesellschaft damals versagt hat. Die Gesellschaft, aber auch unsere Eltern und Großeltern. Das zu sagen, ist nicht einfach, aber notwendig. Aber worin bestand ihr Versagen, das sie letzten Endes nach Europa gespült hat?

Die türkische Gesellschaft war spätestens in den 70ern gefangen in einem Konflikt ideologischer verfeindeter Gruppen. Junge Menschen haben sich auf den Straßen gegenseitig erschossen, erschlagen, erstochen. Diese blutige Spur der Gewalt hat wiederum den Boden für den Putsch der Generäle bereitet. Wenn ich also vom Versagen unserer Eltern und Großeltern spreche, dann meine ich damit, eine Mitschuld an diesem kollektiven Versagen der Gesellschaft.

Denn sie haben es nicht geschafft, ihre politischen Differenzen friedlich zu lösen. Manche von ihnen waren „Linke“, manche von ihnen waren „Rechte“, „Laizisten“ und „Religiöse“, viele waren eher stumme Beobachter, doch die Verantwortung liegt bei ihnen allen.  Denn die wirtschaftliche Misere der Türkei damals hängt direkt mit den Bürgerkriegs-ähnlichen Zuständen zusammen. Keine positive Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft hat zu einem Überschuss an arbeitsfähigen, aber perspektivlosen Menschen hervorgebracht. Erst diese Masse an Menschen hat etwa dem Arbeitskraft-Abkommen zwischen Deutschland und der Türkei die Grundlage verschafft.

Und dann? Dann kamen sie an den Bahnhöfen ihrer Empfangsländer an. Richteten sich ein, heirateten, bekamen Kinder. Aber sie hatten nicht die alten Feindschaften und Kämpfe der alten Heimat begraben. Also separierten sie sich voneinander, gründeten politische Vereine und beargwöhnten sich anschließend wie damals in der alten Heimat. Doch damit nicht genug und an dieser Stelle wird es besonders bitter. Denn sie impften ihren Kindern und Kindeskindern diese falschen Ideen ein. Und viele dieser Jungen trugen und tragen diese falschen Fackeln der Wahrheit vor sich her.

Sinnlos erscheint es da an den türkischen Denker Cemil Meric zu erinnern, der im Hinblick auf all diese -Ismen (der Nation, des Kapitals, …) geschrieben hat: All diese -Ismen sind Zwangsjacken, die man unserer Wahrnehmung übergestülpt hat.

Wir kämpfen, wissen aber nicht mehr wofür. Wir hassen, wissen aber nicht mehr warum. Aber der Wille zum Kampf, zu diesem geisterhaften Schauspiel längst vergangener Zeiten, zehrt all unsere Energie auf. Denn auch wenn wir all die Ideologien nicht erfassen können, so vertrauen wir doch den Erzählungen der Älteren. Daher verlassen wir die Schützengräben der Vergangenheit auch nicht. Wir graben sie gar tiefer und tiefer. So tief, dass wir das Ende dieses längst verlorenen Krieges nicht mitbekämen. Mag sein, dass wir ein Ende auch gar nicht ertrügen; so sehr ist uns der Kampf zur Gewohnheit geworden.

Und ich sage bewusst „wir“. Denn jeder von uns, die Kinder der Fremden, tragen eine Mitverantwortung, weil wir uns nicht oder nicht genug dem Wahnsinn entgegengeworfen haben, der uns in Europa von so wichtigen Aufgaben abhält, der uns weiterhin ganz unten in der gesellschaftlichen Randordnung gefangen hält. All jene Kräfte, die uns hier auf dem guten Boden unserer neuen Heimatländer in Ungnade und Unfreiheit halten wollen, sind die heimlichen Nutznießer unseres selbstverschuldeten
Schicksals.

Daher schreibe ich diese Zeilen in der Hoffnung, den Mut in den Herzen jener zu entfachen, die die Schützengräben der Vergangenheit verlassen und sich den neuen, großen Aufgaben im Herzen Europas widmen wollen. Mögen sie meine Worte würdigen und mich gelten lassen.

Abschließend bleibt mir nur zu sagen:
Uns macht nicht satt, ein Erdogan, Erbakan, Bahceli, Kilicdaroglu, Gülen oder Demirtas. Was uns satt macht: Die Überwindung der Vergangenheit und ein entschlossenes, solidarisches Auftreten gegen jene, die uns unsere neue Heimat madig machen wollen.

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