Familienehre

Familienehre. Ein Wort und doch ein Unwort. Die kollektive Ehre einer ganzen Familie soll es geben. Und die Last, diese Familienehre zu schultern, obliegt den Frauen dieser Familien. Natürlich. Die Frauen sollen einstehen, opfern, Verantwortung tragen. Und die Männer kümmern sich um die Einhaltung der Familienehre. Ihnen obliegt das Urteil, wie und wer diese befleckt haben könnte. Und wie der Zufall so will, richten sie sich nie selbst. Mag sein, dass sie frei von Fehlern sind. Aber warum sich selbst richten, wenn man andere richten darf?

Familienehre. In manchen Gesellschaften führt sie den Ehrenmord mit sich. Was für eine unheilige Paarung. Wenn eine Frau vergewaltigt wird, soll das die Familienehre verletzen. Das hört sich nicht nur absurd an, das ist es auch. Aber es geht noch absurder. Etwa wenn eine vergewaltigte Frau von der eigenen Familie gezwungen wird, ihren Peiniger zu ehelichen. Wieso fragt man sich, wie kommt man auf so etwas? Nun, die Ehre der Familie könne nur auf diese Weise wiederhergestellt werden. Die Frau heiratet ihren Peiniger und soll sich Nacht für Nacht ins Ehebett ihres Vergewaltigers legen, aber die Familien, besser gesagt die Patriarchen, haben dafür ihre Ruhe. Ihre kostbare Ehre zurück erlangt; glauben sie. Und wenn das Opfer nicht einwilligt, dann kann ein Familientribunal, also die Patriarchen, einen Ehrenmord beschließen. Nur um diese verdammte Ehre zu retten. Den Täter anzeigen? Für das eigene Fleisch und Blut einstehen? Nein. Das rettet ihre Ehre nicht, glauben sie. Aber dem Opfer nach dem Trauma der Vergewaltigung ein zweites Trauma, ein lebenslanges Trauma, aufzubürden, das geht in Ordnung. Schließlich ist die Frage der Familienehre eine rein weibliche, glauben sie.

Man muss sich so eine Familie vorstellen. Den Patriarchen einer solchen Familie, dessen Sohn von einem älteren Kind verprügelt wird. Der Sohnemann kommt nach Hause, der Vater sieht das blutverschmierte Gesicht seines Kindes und? Nichts und. Er wird dem Peiniger seines Sohnes nicht vergeben. Die Schuld für die Prügel nicht beim eigenen Sohn suchen. Nein. Und wenn sich die Eltern des Übeltäters dazwischen stellen, werden sie auch den Zorn des Vaters zu spüren bekommen. Niemand wird auf die Idee kommen dem Prügelopfer, Vorwürfe zu machen, er habe die Familienehre besudelt. Nein. Aber hat eine Tochter nicht das gleiche Anrecht auf Glück und Unversehrtheit? Schmerzen denn die Wunden einer Tochter weniger?

Die Antworten auf diese Fragen bergen Bitterkeit in sich. Denn hinter der Maske der Familienehre wartet doch nur die Fratze der Feigheit. In solchen Familien, in solchen Gesellschaften fürchtet man sich eher davor, was die Nachbarn, das Umfeld sagen werden. Das Wohl der Töchter hat das Nachsehen.

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