Keine Sorge, das ist keine Wahlempfehlung

Keine Sorge, ich werde euch nicht sagen, wem ihr morgen eure Stimme geben sollt. Das haben andere zur Genüge gemacht, ich werde euch also verschonen. Ich sage es auch gleich vorab, ich mag Wahlen, ich gehe gern wählen, habe noch nie eine Wahl verpasst oder gar ungültig gewählt. Man sollte sich glücklich wähnen, überhaupt wählen zu dürfen. Mag sein, dass wir hier im wohlbehaltenen Europa etwas träge von den ganzen Freiheiten geworden sind, die die Wegsteine unserer Selbstbestimmung sind. Dennoch sollten wir dieser Freiheiten niemals überdrüssig werden.

Aber ich bin nicht naiv. Als Gastarbeiterkind darf man sich das auch gar nicht leisten. Als Sproß von „Fremden“ beginnst du dein Leben in bitterer Kälte fernab einer wärmenden Sonne. In diesem Land hat man die Freiheit zu wählen, ja. Auch wenn diese Wahlen dann von Parteien und Politikern geprägt sind, die sich nicht um die Anliegen der „Fremden“ scheren, ist es Freiheit. Die Freiheit, aus einem Bündel schlechter Optionen zu wählen, in der Hoffnung man habe das geringste Übel erwischt.

Vor einigen Jahren – ich war noch recht naiv, manche würden sagen idealistisch – habe ich mir die Gemeinderatswahlen in meiner Heimatgemeinde genauer angesehen. Ich war sogar bei einer Veranstaltung des damals amtierenden Bürgermeisters in einem urigen Gasthaus. Bürgerinnen und Bürger konnten dem Amtsinhaber Fragen stellen, Forderungen erheben oder sogar „schimpfen“. Politik zum Angreifen eben und das Ganze bei Bier und Brezeln. Die ganze Veranstaltung plätscherte gemütlich vor sich hin, bis sich ein beschwipster Landwirt zu Wort meldete. „De Tirkn…“ polterte er los. Es ging um seine wertvollen Äpfel, die ihm diese Leute wohl systematisch von den Bäumen stahlen. Und überhaupt seien zu viele von „de Tirkn“ in der Stadt.

Ich musste grinsen, weil ich dankbar war. Dankbar, da ich mich bestätigt gefühlt hatte, Politik in Gasthäusern und an Stammtischen zu misstrauen. Doch ich wurde noch überrascht. Der Bürgermeister und seine Entourage taten so als hätte der groß gewachsene Landwirt gerade einen klugen sachpolitischen Vorschlag gemacht und bedankten sich artig für die Wortmeldung.

Eigentlich wollte ich ja nur still beobachten, doch als die Veranstaltung zu Ende war, konnte ich nicht anders und ging zum Bürgermeister, stellte mich vor und fragte ganz nüchtern, warum man diese dumme, rassistische Wortmeldung nicht klar kritisiert hatte. Ich kann mich noch gut an die Überraschung in den Augen des bewährten Kommunalpolitikers erinnern, der niemals damit gerechnet hatte, dass sich ein „Tirk“ unter die Bürger mischen würde. Er fand seine Fassung schnell wieder und bot mir an am nächsten Tag im Rathaus über den Vorfall zu reden. Und was soll ich sagen, ich fühlte mich doch etwas geschmeichelt.

Am nächsten Tag fand ich mich überpünktlich dort ein und wurde ins Amtszimmer geführt. Und die folgenden Dinge teile ich nur, weil es lange her ist, der Herr lange nicht mehr in der Politik und meine Wertschätzung für die ehrlichen Worte wahrhaftig ist.

Ich sprach ihn noch einmal auf den Zwischenfall im Gasthaus an. Er schüttelte nur den Kopf und sagte etwas, dass sich seit diesem Tag tief in meine Hirnwindungen gegraben hat (die vielen Jahre mögen die Worte in meiner Erinnerung vertauscht, nicht aber den Sinn entstellt haben):

“In der Politik kann man nur aus dem, was man zur Hand hat, etwas machen. Kufstein ist in dieser Hinsicht ein schwieriges Pflaster für Migranten und man kann realistischerweise nur versuchen, das Bestmögliche für alle Bevölkerungsgruppen rauszuholen.”

Hier sprach kein Mann, der Angst davor hatte, man könne ihm Duldung von Rassismus vorwerfen. Im Gegenteil, denn wäre es publik geworden, hätte es ihm vielleicht sogar Stimmen aus dem starken Reservoir der Rechten und Rechtsrechten eingebracht. Nein. Hier sprach jemand, der sich keinen Illusionen hin gab und dank einer gesunden Portion Zynismus die harte Realität der Alltagspolitik zu ertragen gelernt hatte. Das hat mich geprägt.

Lasst euch also nicht einreden, die Probleme der Fremden und der Fremden Kinder wären mit ausgefüllten Wahlzetteln zu beheben. Über den Erfolg des erhabenen Marsches hin zur vollen Gleichberechtigung und zur vollen Teilhabe am politischen und gesellschaftlichen Leben wird nicht morgen entschieden werden. An jedem anderen Tag, ja, aber nicht morgen. Morgen gilt es nur zu entscheiden, wem man das Amt – schweren Herzens – eher anvertrauen möchte.

Am Ende ist Demokratie, das nüchterne Abwägen von streitbaren Parteien, Politikern und Positionen. Wer Heilserwartungen an Politiker und Parteien knüpft, wird sich alsbald im Tal der Tränen wiederfinden und keinen Weg mehr raus.

Denn wenn Herr Van der Bellen gewinnt, wird es an der Ungerechtigkeit in der Gesellschaft nichts ändern und wenn Herr Hofer gewinnt, wird sich an der Notwendigkeit die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft zu beheben, nichts ändern.

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