“Keine türkische Politik in Österreich!“

“Keine türkische Politik in Österreich!” – erinnert ihr euch noch? Nach teilweise wilden Spontandemos von türkischstämmigen Wienern, die der Putschversuch auf die Straßen getrieben hatte, war das politische Establishment not amused. Am Ende gab es die Losung durch, auch wenn es Demonstrationsfreiheit gäbe, solle man am besten türkische Politik in der Türkei lassen.

Nun gut, ich persönlich habe mir das natürlich zu Herzen genommen, da ich der Weisheit und Vernunft unserer politischen Kaste voll und ganz vertraue. Ihr kennt mich ja. Aber grausam wie das Schicksal nun einmal ist, mussten sich die lautesten Kritiker der Anti-Putsch-Demos/Pro-Erdogan-Demos bewähren. Bewähren, in dem sie ihren Standpunkt “Keine türkische Politik auf Österreichs Straßen!” glaubhaft vorlebten. Und naja. Irgendwie gelang ihnen das nicht wirklich. Der Lack ihrer Weisheit scheint Kratzer abbekommen zu haben.

Und keine Angst, ich lasse die türkische Politik in der Türkei, ich beschränke mich lediglich auf das, was gestern Abend bei uns los war, weil es mich inspiriert hat diese Zeilen zu verfassen. Aber bevor ich weiter schreibe, will ich ein Symbolbild teilen, das gewiss nicht als Symbolbild gedacht war, aber für mein Thema heute passt wie die Faust aufs Auge:

soligruseschieder

(Links seht ihr den SPÖ-Klubchef Schieder, rechts die SPÖ-Abg. Kucharowits. Sie schicken der Wiener „Solidemo“ ihre Grüße.)

Oder anders formuliert: Keine türkische Politik in Österreich, ABER…
Ihr alle kennt diesen besonderen Zusatz in Österreich. Das magische „Aber“ das fast so gut ist wie das zauberhafte „najo“. Aber sei’s drum. Dieses Bild oben ist ein besonderes Schmankerl, da es schön veranschaulicht wie situationselastisch die heimische Politik funktioniert. Die Weisheit unserer gewählten Volksvertreter (von links nach rechts, bitte) wird also nur noch übertroffen von der flexiblen Anwendung ihrer Weisheit. Wir können uns also glücklich schätzen.

Postfaktisches Österreich

Wir leben ja in einem postfaktischen Zeitalter – so heißt es jedenfalls. Und seit dem gestrigen Tag zweifle ich auch nicht mehr daran. Und wer nun gedacht hat, dass das Postfaktische in weit entfernten Ländern wie den USA sein Unwesen treibt, der irrt.

Wer postfaktisch ist, ignoriert Symbolik, Details, Fakten. Daher ist dieses Foto von der gestrigen „Solidemo“ so wichtig: Es beschreibt die ganze Tragödie der kurdischen HDP-Partei bzw. der türkisch-kurdischen Diaspora bei uns:

30144446653_f264f07374_z

(Das Foto stammt übrigens vom Fotografen Daniel Weber / neuwal.com und kann hier bestaunt werden: https://www.flickr.com/photos/daniel-weber/30144446653/in/photostream/ )

Ich will euch nicht alle PolitikerInnen aufzählen, die dabei waren. Wichtig ist, dass sowohl Grüne wie auch SPÖ(-Linke) anwesend waren. Aber ich will jene sehend machen, die nicht gleich das Besondere an diesem Bild sehen.

Österr. Nationalratsabgeordnete, ja.
HDP-Fahnen im Hintergrund, ja.
Öcalan-Fahnen im Vordergrund, ja.

Also? Im Grunde haben wir hier – in ein Bild zusammengepfercht – worum es in der Türkei gerade geht. Der Vorwurf gegen die HDP (und ihre Vorgänger-Parteien) war/ist immer gleich: Keine Abgrenzung zum Terror & bewaffneten Kampf der PKK. Und gestern Abend trafen sich die Damen und Herren, um dieses Dilemma abzubilden. Danke dafür.

Aber da wir in Österreich in ein postfaktisches Stadium eingetreten sind, ist es eh egal, was ich hier schreibe. Die Meinung muss passen, Fakten sind öd. Und daher auch ein Aufruf an die Austro-TürkInnen:

Besonnenheit ist Trumpf

Mich haben gestern doch einige Nachrichten via Social Media erreicht und bei fast allen ging es darum, was angesichts des postfaktischen Umgangs der heimischen Politik mit dem Thema zu tun sei.

Die Wahrheit ist, dass im Grunde wenig getan werden kann. Der beste Wegbegleiter der viel geschmähten Austro-Türken im Lande ist nach wie vor die Besonnenheit. Das, was auch gestern wieder einmal zu beobachten war, ist im Grunde die Agonie einer politischen Klasse, die keine Kraft und keine Ideen mehr hat. Die Kraft für große Vorhaben und Reformen fehlt, daher bleibt am Ende nur noch Placebo-Politik: Also Burkas, beschnittene Penisse, Kindergärten, Türken und Muslime ärgern und natürlich die Türkei aus der EU raushalten wollen.  Das war’s dann aber auch schon.

Aus diesem Grund solltet ihr besonnen bleiben. Ob ihr nun die Schulbank drückt, im Hörsaal sitzt, im Büro oder in der Fabrikshalle euer Geld verdient, bleibt besonnen, bleibt strebsam und gebt jenen siechenden Kräften keinen Grund euch noch mehr zu drangsalieren als ohnehin schon. Uns allen viel Glück dabei.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s