Zur „Junge-Muslime-Studie“

Ich habe gestern lange überlegt, ob ich irgendeinen bedeutungsschwangeren Beitrag zur Debatte rund um die Jugend-Studie von Güngör/Niknafs zusammenbringe. Und die Antwort ist Nein. Vielleicht ist es das wiederkehrende hysterische Momentum in derlei Diskussionen, die meine Inspiration abgetötet hat, oder mein fortschreitendes Alter, das mir jene Weisheit schenkt, so dass ich mich von halsbrecherischen Themen abwende. Wer weiß.
 
Wer an dieser Stelle also eine klug ausformulierte Lösung oder mögliche Lösung erhofft, sollte nicht weiterlesen. Zeit ist kostbar und ich will keine falschen Erwartungen geweckt haben. Für jene, die noch hier sind, will ich versuchen meine Gedanken von gestern zu ordnen. Denn auch wenn es mir selbst wie ein entfernter Fiebertraum erscheint; ich war auch mal jung, ich war auch mal unangepasst, rebellisch auf meine ganz eigene, streitbare Art und Weise. Und mit mir viele meiner Freunde und Kumpels.
 
So habe ich mir gestern Abend vorgestellt, wie es anno dazumal wohl abgelaufen wäre, wenn ein paar scheue Eierköpfe in das Jugendzentrum in Kufstein gekommen wären, um ihre Fragen zu stellen. Sie wären auf migrantische Halbstarke getroffen. Ihre Eltern wären Gastarbeiter gewesen – aus der Türkei oder dem ehem. Jugoslawien stammend. Armut wäre ein Thema gewesen und damit Beschaffungskriminalität, Gewalt in der Erziehung wäre ein Thema gewesen und damit Gewalt als Ausdrucksform. Manche von ihnen hätten Butterfly-Messer in der Jackentasche gehabt, manche ein bisschen Gras – oder gleich beides. Die meisten wären Schulabbrecher oder Pflichtschulabsolventen gewesen. Immer genug Wut im Bauch, selten ein Plan für die Zukunft im Kopf.
 
Die Leiterin des Zentrums hätte kurzfristig die Jugendlichen zusammengetrommelt. Einige hätten gekickert, einige im Filmraum einen “Gangsterfilm” gesehen. In dieser Stimmung wären sie am Tisch gesessen und hätten sich die Fragen der Studienautoren angehört. Die Lust an der Provokation wäre sehr groß gewesen. Unwiderstehlich.
 
“Schwuchtel” wäre ein gängiges Schimpfwort gewesen. Die Invasion des Irak hätte eine nachhaltige anti-amerikanische und auch anti-westliche Stimmung ausgelöst gehabt. Das Frauenbild wäre von ihrer Art und Weise zu leben geprägt gewesen. Kaum eine erste, große Liebe, keine bieder-bürgerliche Beziehung, sondern das schnelle Abenteuer mit als “leicht” empfundenen Mädchen. Das Ganze getragen von Gangsterrap, Mafiafilmen und einer gesunden Portion Macho-Mentalität. Die Antworten auf die Fragen der Studienautoren wären also ernüchternd ausgefallen. Zumindest hätten es die Studienautoren so wahrgenommen.
 
Nach dem Interview hätten sie wohl kaum Hoffnung für diese Jugendlichen gesehen. Und die Jugendlichen für sich selbst ja auch nicht. “Keine positive Sozialprognose” wie man in den Gerichtssälen zu sagen pflegt. Die Studie wäre rausgekommen, hätte einige Tage Medien und Politiker beschäftigt und dann wäre die Karawane weitergezogen. Die Jugendlichen selbst hätten diese Aufregung ohnehin nicht mitbekommen.
 
Aber viele, viele Jahre später wäre ein kleines Wunder geschehen. Unabhängig von Milieu-Studien, kurzweiligen Hysterien und politischen Meta-Debatten wären die Jahre ins Land gegangen. Aus halb-kriminellen Jugendlichen wären Familienväter und Mütter geworden. Sie hätten ordentliche Berufe ergriffen, Kredite für ihre Eigenheime oder Eigentumswohnungen abzuzahlen und wären sowohl auf den ersten wie auch auf den zweiten Blick ordentliche Mitglieder einer Gesellschaft geworden, gegen die sie vor wenigen Jahren noch offen zu rebellieren glaubten. Natürlich hätten nicht alle den Sprung geschafft, aber die meisten und sei es erst im zweiten oder dritten Versuch.
 
Ich weiß, das ist zu versöhnlich, als dass es in einer ganz, ganz wichtigen politischen Diskussion von Wert sein könnte. Sei es drum. Ich habe es hier festgehalten.

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