Von Burkas und Freiheit

Ich werde im Urlaub angerufen und mit der politischen „Debatte“ in Österreich konfrontiert. Normalerweise wäre ich darüber erbost, aber in diesem Fall hat es die Lebensgeister in mir geweckt. Das schöne Land an den Alpen führt seine x-te Debatte über ein Burkaverbot. Ob die edlen Damen und Herren, die sich dieses Themas immer wieder annnehmen, mittlerweile in Erfahrung gebracht haben, was eine Burka wirklich ist und wie wenige sie etwa beim Bergsteigen oder im Supermarkt überwerfen, sei dahingestellt. Ich will glauben, dass die vergangene Arroganz bei diesen Debatten zumindest
in diesen Punkten ein wenig abgeklungen ist.

Ich bin gegen das Burkaverbot. Ja, ohne wenn und aber. Weil es beim „Burkaverbot“ nicht um die Burka geht. Das pfeifen die Spatzen von den Dächern und Amseln von den Äckern. Ziel und Zweck der ganzen Übung ist nicht nur der vergebliche Versuch eine rechtspopulistische Partei mit derlei wilden und wirren Vorschlägen zu paralysieren, nein,
es soll auch noch eine faktische Schlechterstellung von muslimischen Österreichern festschreiben. Der gefühlten, gelebten Zweitklassigkeit soll nun auch die gesetzlich Verankerte folgen. Und da muss man einfach klar Nein sagen. Schon allein aus Liebe zur Verfassung der Republik. Denn in eben jener Verfassung steht nichts davon, dass der gemeine Muslim im Zweifel schlechter zu behandeln ist als der gemeine Katholik, Protestant oder Taufschein-Weihnachtenistcool-Feiertagschrist.
Und ja auch der post-moderne Zyniker frei von Glauben steht nicht über den Dingen. Daher sind auch die Auslassungen von diversen KollegInnen aus der Branche mehr als entbehrlich, denn sie haben nicht darüber zu entscheiden, ob man etwas darf oder nicht.
Die Verfassung entscheidet und sie spricht eine klare Sprache. Und ihre Melodie heißt absolute Gleichberechtigung unabhänhgig von Rang, Name, Ethnie, Herkunft und Religion.

Und weil wir bei der Verfassung sind, sollten wir auch noch kurz zur ominösen „Wertedebatte“ kommen. Sätze wie dieser werden schnell gesagt und wirken besonders bedeutungsschwanger: „Das passt nicht zu unseren Werten.“ Aha. Klingt gut, aber es riecht faulig, sobald diese und ähnliche Dinge gesagt werden. Das hat einen einfachen Grund. Die „Wertedebatte“ ist von Willkür geprägt und damit unaufrichtig. Und daher ist es auch kein Zufall, dass sie sich mit der Verfassungs- und Demokratie-Debatte nicht überlappt. In concreto: Die schwülstigen Wertvorstellungen eines Parteipolitikers, der nie wirklich gearbeitet hat und dessen Umfeld dermaßen sozial selektiert ist, dass es an eine
nordamerikanische Mormonensiedlung erinnert, wird unweigerlich seine ganz eigenen „Werte“ haben als ein Arbeiterkind, das sich in einem bürgerlichen Berufsmilieu zu behaupten sucht. Ihre jeweiligen Wertvorstellungen seien ihnen unbenommen,
aber der einzige Leuchtturm unserer Gesellschaft ist die Verfassung. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich muss die Begriffsstutzigkeit in meinem Land bedenken.

Ein weiterer Punkt, der bedacht werden muss, ist, der nahtlose Übergang von der Türkei/Austro-Türken-Hysterie zur Burka-Debatte. Das ist natürlich kein Zufall. Irgendetwas mit Islam muss es sein, damit man sich von Wien bis Dornbirn schön aufregen kann. Doch die immer aggressivere Stimmung in der politischen wie auch medialen Blase steht ein immer größeres Problem jenseits der
Blase gegenüber. Immer mehr muslimische Migranten werden sich zurecht fragen, was das für verrückte Leute an der Spitze des Landes sind (Alpha-Journalisten sind da bitte inlkludiert, gell), die Tag ein Tag aus schwadronieren und dieses und jenes verbieten wollen. Natürlich immer nur bei anderen, ist ja klar. Man stelle sich nur mal vor, sie würden ein Verbot von Nebeneinkommen von Abgeordneten fordern. Aber das wär ja eine sachliche Diskussion. Wer braucht das schon. Zurück zu den Muslimen von Wien bis Dornbirn. Die Frustration steigt und gleichzeitig werden die öffentlichen Räume immer kleiner und kleiner, um Widerworte überhaupt geben zu können. Es prasseln also Tag ein, Tag aus Scheindebatten auf diese Menschen nieder, die sie nur frustrieren können.

Und Frust ist gefährlich. Denn an einem gewissen Punkt wird unsere Obrigkeit, aber damit auch leider die staatliche Autorität, endgültig keine Zustimmung mehr finden. Und dann? Dann haben wir Zustände wie in den französischen Vorstädten. Viel Spaß, wünsche ich da.
Und kann nur hoffen, dass ich dann nicht mehr im Land am Strome beheimatet bin, wenn es einmal so weit gekommen sein sollte. Und deswegen ist es wichtig jetzt gegen den Irrsinn anzuschreiben. Auch wenn diese sinnfreien Debatten ermüden, ist es wichtig,
seine Stimme zu erheben. Egal ob man im Tiroler Landtag sitzt oder in einer TV-Redaktion.

Abschließend bleibt mir nur Folgendes zu sagen:

Für die richtige Sache zu kämpfen, heißt, gegen das verlogene Burkaverbot zu kämpfen.
Der entscheidene Kampf ist jener, dass jede Frau in Österreich frei von Zwang und Druck entscheiden kann, ob sie sich verhüllt oder nicht oder ein wenig oder sonst wie. Das ist die Freiheit, die entscheidend ist. Eine solch persönliche und intime Entscheidung kann nur jede Frau für sich entscheiden. Kein Staat, keine Gesellschaft, aber auch keine religiöse Organisation darf sich da einmischen.

Denn nur so geht Freiheit.

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