Zur Causa Böhmermann: Erdogans unfreiwillige Helfer

Zuerst ist zu sagen: Böhmermann soll für sein Schmähgedicht an Erdogan keine strafrechtlichen Konsequenzen fürchten müssen. Der Strafbestand der Majestätsbeleidigung ist prinzipiell unsinnig und abzuschaffen. Über die satirische Qualität seines Gedichtes hat der geneigte Leser bzw. Zuseher zu entscheiden. Die einzig legitime Strafe für Satire ist die Nicht-Beachtung durch das Publikum.

Und Erdogan? Erdogan soll nicht so dünnhäutig sein? Aber das ist er ja nicht. Wer wirklich glaubt, dass Erdogan aus reiner Wehleidigkeit oder Humorlosigkeit den Klagsweg beschritten hat, lebt in einer naiven Traumwelt. Zusammen mit dem Christkind und Ronald McDonald.

Denn Erdogan beherrscht sein Handwerk. Er beherrscht die Klaviatur der Demagogie und des Populismus wie kaum ein anderer. Er weiß, was er tut und wie er im konkreten Fall die Affäre Böhmermann zu seinem Vorteil nutzen kann. Ansonsten müsste Erdogan alle Satirezeitschriften in der Türkei, die ihn fleißig Ausgabe für Ausgabe karikieren mundtot machen, doch das tat und tut er nicht. Denn das bringt ihm keine (relevante) Publicity ein. Denn das kann er nicht zur Stärkung seiner Position in der Türkei nutzen. Im Falle Böhmermanns und seiner unglückseligen Trittbrettfahrer in Österreich siehts da schon anders aus…

Ziegen ficken und Fahnen anpissen

Ein Kollege hat mich vor wenigen Tagen angeschrieben. Er meinte, es überrasche ihn, wie besonnen doch die Austro-Türken (und Deutsch-Türken) auf diese ganze hochgejazzte Böhmermann Debatte reagiert hätten. Das hat mich zum Grübeln gebracht. War es wirklich Besonnenheit die dieses betretene Schweigen erklären kann? Ich denke nicht.

Als ich das Video Böhmermanns in voller Länge nachgehört habe, stockte mir kurz der Atem. Der Ziegenficker Erdogan also. Wie gesagt, über Qualität von Satire lässt sich trefflich streiten. Aber ein solch rassistisches Motiv einfach mal so einarbeiten und alle zollen Beifall? Von der linksliberalen Redakteurin bis hin zum rechtsrechten Internet-Troll feierten so ziemlich alle das rassistisch getränkte (Causa Michael Winter lässt grüßen) Schmähgedicht ab. Es sei eben ein Akt der Freiheit diesem neuzeitlichen Sultan mal ein Schmähgedicht vor den Latz zu knallen. Eh klar. Aber man hatte sich dabei tief in die Irrungen und Wirrungen des kulturellen Rassismus verrannt.

Viele Austro-Türken kennen die vielen Farben und Formen des Rassismus im Lande. Daher dürften sich viele mehr als unwohl gefühlt haben, als sie das mit dem „Ziegen ficken“ gelesen oder gehört haben, selbst wenn sie der Präsidentschaft Erdogans eher heute als morgen ein Ende wünschen. Aber nicht so, denn das ist auch eine Frage der Selbstachtung.

Natürlich wollten die heimischen Trittbrettfahrer sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. So viel Aufmerksamkeit wartete nur darauf abgeholt zu werden. Noch dazu konnte man sich nach außen hin als Vorkämpfer für die Meinungs- und Satirefreiheit gerieren. Goldfieber brach aus – auch in den Redaktionsstuben dieses Landes.

Den Anfang machten die so genannten „Gebrüder Moped„. Sie fanden es amüsant eine Ziege, der sie den Namen „Alev“ gaben, zu interviewen. Es sei nämlich diese eine Ziege, die Herr Erdogan bestiegen hätte. Über Humor lässt sich streiten und rassistischer Scheissdreck lässt sich klar erkennen.

Dass die Motive der heimischen Trittbrettfahrer nicht erhaben sind, erkennt man auch an der Aktion der KollegInnen von der Wiener Zeitung. Sie haben eine Karikatur abdrucken lassen, die einen Mann zeigt, der auf die türkische Fahne uriniert. Kein Erdogan, keine Anspielung auf die autoritären Tendenzen seiner Präsidentschaft. Nichts. Es wird einfach nur auf die türkische Fahne gepisst. Ein Beitrag zur Freiheit und ein Akt des Mutes, so sehen es die KollegInnen bei der WZ.
Doch ich sehe ein Problem bei den verantwortlichen KollegInnen.

Kampf für die Demokratie

Wer dieses Land kennt, weiß, dass Nichts den siechenden Leib der österreichischen Gesellschaft so sehr vor Erregung zucken und beben lässt, wie die Möglichkeit dem heimischen Türken (Ausländer, Moslem – je nach politischer Großwetterlage beliebig austauschbar) wieder einmal eine zu verpassen. Am besten zwei und nachtreten auch noch.

Daher ist eines zu sagen:
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Kulturtreibende und Kunstschaffende! Rassismus ist kein verbrieftes Vorrecht der FPÖ, sondern eine (Un)Art des Denkens und wenn ihr rassistische Klischees bedient, seids ihr halt einfach rassistisch. Also nichts da mit Nase rümpfen bei Rülpsern aus der rechten Ecke. Denn ihr seid um nichts besser, wenn ihr auf der Tastatur des Rassismus spielt. Achja, ihr tut Erdogan und seinen eifrigsten Anhängern in Österreich damit auch noch einen Riesengefallen. 

Der Kampf um die türkische Demokratie, um die Seele der Türkei ist zu wichtig als dass sie im Morast der Unterhaltung versickern und durch die Selbstbeweihräucherung einer saturierten Elite zwischen Berlin und Wien konterkariert werden darf.

Post Sciptum:
Ich habe mich zunächst bewusst aus dieser hysterischen Diskussion rund um Böhmermann & Erdogan rausgehalten, da ich der Erdogan’schen PR bzw. der Böhmermann’schen Sehnsucht nach möglichst viel Aufmerksamkeit nicht zuarbeiten wollte. Die Umstände zwingen mich nun dazu. Das bedauere ich sehr.

 

Ein Gedanke zu “Zur Causa Böhmermann: Erdogans unfreiwillige Helfer

  1. Hm, mir scheint die Karikatur in der Wiener Zeitung eher eine Frage aufzuwerfen, als ein bequemes Urteil zu fällen: Karikiert sie nicht beide, den Spaßmacher und das was durch die Fahne repräsentiert wird? Die Frage “Man wird doch…?” deutet m.E. auf ein verstecktes/verdecktes Schuldbewusstsein hin. Beachtenswert ist auch die Diskrepanz zwischen dem was der Sprecher sagt (“dem Spaß machen”) und dem tatsächlichen Akt des auf-die-Fahne-Pinkelns (also dem was passiert).

    Ich vermute, dass Böhermann mit seinem Lied tatsächlich etwas getroffen hat und Erdogan deswegen (oder auch deswegen) reagiert hat; dass er die populistische Klaviatur beherrscht, schließt ein Getroffensein nicht aus, im Gegenteil es erscheint mir umgekehrt logischer: In Rage spielt es sich besonders gut.

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