„The Great Game“ zwischen Ankara und Washington

Ankara hat mit dem syrischen Bürgerkrieg keine Freunde. Einerseits muss man Hunderttausende über Jahre hinweg versorgen und unterbringen, auf der anderen Seite ist der syrische Bürgerkrieg ein Stellvertreterkrieg und die meisten relevanten Akteure stehen gegen die Ambitionen Ankaras. Der Iran engagiert sich massiv, die Abhängigkeit Assads von Teheran und iranischen „Freiwilligen“ wie auch Rüstungslieferungen ist gegeben. Russland hält immer noch an Assad fest und gewährt Damaskus wiederum weitreichende Unterstützung in Form von Rüstungslieferungen. Der Irak, der sich kaum mehr aus dem Sog Teherans lösen kann (gerade weil der IS große Teile des arabisch-sunnitischen Territoriums des Irak losgerissen hat), ist auch ein Achsenmitglied. Nicht zu vergessen, ist die kampfstarke Hisbollah, die ihren Einsatzradius weit über die grenznahen Gebiete ausgedehnt hat. Sie schickt ihre Veteranen sowohl an die Südfront (Daraa & Sweida) als auch an die Nordfront (Latakia & Idlib & Alepp & usw. ) und ist bereit Verluste in Kauf zu nehmen.

Als wären als diese Gegenspieler nicht schon genug, sind die möglichen bzw. temporären Alliierten nicht für ihre Zuverlässigkeit berühmt. Die Saudis pumpen viel Geld an sunnitische Gruppen, nur nich an Muslimbrüder-nahe Milizen und Kreise, denn die Saudis misstrauen den Brüdern. Das Problem mit der Türkei ergibt sich dadurch, da die Türkei den Muslimbrüdern gegenüber aufgeschlossen ist und in einer Post-Assad-Ära das Zepter der Macht wohl am liebsten an diese Kreise weitergeben würde. Die Saudis misstrauen daher den Türken, auch wenn beide Mächte einen „sunnitischen“ Machtwechsel (im weitesten Sinne anstreben). Türken und Saudis haben sich geringfügig angenähert, doch das Gleichgewicht ist höchst fragil (noch dazu ist Ankara klar pro-Mursi, während die Saudis den Putsch des Militärs gegen Mursi mindestens bezahlt haben dürften). Katar ist ein weiterer wichtiger Akteur, der mit „seinem“ TV-Netzwerk Al Jazeera noch dazu eine gehörige Portion „soft power“ einsetzen kann (siehe Interview mit Nusra Chef al-Jolani). Doch die Autonomie in der Außenpolitik missfällt wiederum den Saudis, die ihre kleineren Nachbarn gerne an sich binden. Daher ist zwar das Verhältnis zwischen Ankara und Doha zwar nachhaltig, so wollen die Türken alsbald eine ständige Truppenpräsenz in Katar etablieren und die Kataris sind auch eifrige Käufer türkischer Rüstungsgüter, aber wie lange die Saudis das hinnehmen wollen, ist unklar.

Türken und Amerikaner belauern und misstrauen einander 

Kommen wir zu den Amerikanern. Aus keinem Konflikt wegzudenken, sind die Weltpolizisten, die aber in Syrien und dem Irak schlechte Karten haben. Egal, wie sie es drehen und wenden, sie haben stets nur die Wahl zwischen Scylla und Charybdis. Agieren sie gegen den IS helfen sie im Grunde den iranischen Interessen und erledigen am Schlachtfeld die Arbeit für schiitische Milizen, deren Verbrechen und antiamerikanische Ausrichtung außer Zweifel stehen. Wenn sie im Norden an den Bruchlinien zwischen arabischen und kurdischen Siedlungsgebieten eingreifen, dann befeuern sie mittel- und langfristig die Gegensätze zwischen Kurden und Arabern. Besonders pikant wird es im Norden Syrien, wo eine PKK-Schwesterorganisation namens PYD weite Teile der kurdisch (aber auch arabisch) besiedelten Teile Nordsyriens kontrolliert und dabei gegen den IS kämpft. Die amerikanische Luftunterstützung ist dabei überlebenswichtig, wie man in der Stadt Kobani erkennen konnte. Doch die Türkei sieht es nicht gerne, dass ihr nomineller NATO-Verbündeter einerseits den kurdischen Nationalismus befeuert und noch dazu die PKK als politischen Akteur nachhaltig stärkt.

Daher ist ein kalter Krieg um das Schicksal des anti-Assad’schen Rebellion entbrannt. Und die Türken und Amerikanern wetteifern, um den größeren Erfolg und Einfluss. Während die Amerikaner auf Kurden und PKK/PYD setzen, versuchen die Türken den Erfolg der Amerikaner zu beschneiden und die arabisch-sunnitischen (auch turkmenischen, siehe Bayir Bucak) Kräfte nachhaltig zu stärken. Die Amerikaner wissen, dass sie mit ihren Ambitionen die Geduld der Türkei auf eine harte Probe stellen. Ebenso weiß man in Ankara, dass auch nur die Duldung von Nusra (also Al Qaida) Aktivitäten die Amerikaner zutiefst verstören muss.

So belauern sich also nicht nur die klassischen Gegner im syrischen Stellvertreterkrieg, sondern auch NATO-Alliierte. Türken und Amerikaner geraten immer öfter und immer stärker aneinander, ihre Interessen divergieren in dem Maße, wie die Türkei eigene Akzente in der Außenpolitik setzt und damit aus dem Windschatten der Amerikaner drängt. Wie Washington mit dem Verlust des einst loyalen Verbündeten umgehen wird, wird interessant werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s