Zum großen Stromausfall in der Türkei

Das halbe Land ohne Strom und das über viele Stunden hinweg. Der Image wie auch der ökonomische Schaden kaum zu beziffern. Und ein unerwarteter Tiefschlag für die Regierungspartei AKP im Vorfeld der Parlamentswahlen.

Der zuständige Energie-Minister Taner Yildiz schloss in der Hitze der Krise einen Terror-Angriff nicht aus. Überschattet wurde diese Krise zusätzlich durch die Geiselnahme und Ermordung eines türkischen Staatsanwalts durch die links-militante DHKPC (neuerdings wohl nur DHKC). Eine Tragödie doch sie ersparte der Regierung notwendige Fragen, wie und warum ein derart weitläufiger Stromausfall überhaupt passieren kann. Ein besonderer Glücksfall für den Energieminister, denn dieser zeichnet sich durch besonders schlechte Performance in Krisenzeiten aus (siehe Soma-Unglück).

Aber was war geschehen? War es tatsächlich ein Terror-Angriff, ein feindseliger Cyber-Angriff aus dem Iran oder war es die DHKPC, die ihre Geiselnahme somit ermöglichen wollte? Überraschenderweise war es nichts davon. Es war eine viel pikantere Sache:

Die Türkei setzt viel auf Wasserkraft und das schon vor der AKP. Wasserkraftwerke brauchen Flüsse, damit Staudämme gebaut werden, damit in weiterer Folge Strom erzeugt werden kann. Und wo gibts besonders ergiebige Flüsse im Land? Ja, richtig geraten, im Südosten (von der Cukurova bis nach Urfa) und im regenreichen Nordosten des Landes. Wasserkraft ist im Vergleich zu etwa Erdgas-Kraftwerken billiger. Das Erdgas muss teuer importiert werden, Wasser nicht. Doch das Problem ist, die meisten Menschen leben im Westen des Landes, der Osten (vom Schwarzen Meer bis zur syrischen Grenze) ist eher dünn besiedelt.

Die praktizierte Lösung ist einfach, man transportiert Strom von Ost nach West, um die Ballungszentren zu versorgen – mit günstigerem Strom.

Der Grund für den kolossalen Stromausfall ist daher so banal wie pikant. Während die (teuren) Erdgas-Kraftwerke im Westen des Landes kaum Strom ins Netz einspeisten bzw. einspeisen durften, speisten die (günstigeren) Wasserkraftwerke überproportional Strom ins Netz und schickten es auf die lange Reise gen Westen. Denn billiger Strom bedeutet glückliche Bürger (und in weiterer Folge glückliche Wähler). Leider machte das Stromnetz einen Strich durch die Rechnung, da man zu viel Strom aus dem Osten in den Westen geschickt hatte. Das System überlastete, der Dominoeffekt brachte weite Teile des Stromnetzes offline. Der Schaden war angerichtet.

Fazit & Konsequenzen

Nun trat der Chef der nationalen Strom-Transmissionsgesellschaft (TEIAS) Kemal Yildir zurück. Er wurde von CNN Türk wie auch der Hürriyet interviewt und sagte im Grunde Bemerkenswertes: Er wäre nicht informiert worden, als das System offensichtlich (ü)be(r)lastet worden war. Er musste allerdings die Konsequenzen tragen. Über die Motive des mittleren Managements einen derartigen Stromausfall durch Überlastung zu riskieren, kann man nur spekulieren. Im Sommer sind Parlamentswahlen in der Türkei und glückliche Wähler wollen billigen Strom. 

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