Religionsexport aus der Türkei: Eine Anekdote

Viel wird dieser Tage um den Einfluss des türkischen Staates über Islamverbände in der europäischen Diaspora gesprochen. Der türkische Staat soll demnach – aus niederen Motiven heraus – die finanzielle und logistische Abhängigkeit und natürlich Willfährigkeit eben jener Verbände erhalten und gar verstärken. Dies stünde der Integration der türkeistämmigen MuslimInnen in Deutschland, Österreich und sonstwo entgegen und daher müsse und solle eben jene Abhängigkeit enden.

Manche Akteure aus Politik und Medien versteigen sich gar zu der wenig differenzierten Ansicht, es bestünde ja kein Unterschied zwischen dem religiösen Export aus Saudi Arabien und der Türkei. Dass der anatolische Islam, selbst in seiner politisierten Form wenig Ähnlichkeit mit dem harschen, erbarmungsarmen Wahabismus aus dem Nejd/Nadschd hat, wird dabei ausgeblendet. Auch der historische Gegensatz zwischen den Erben des Osmanischen Reiches und den Nachfahren jener Wüstenkrieger, die die osmanisch verwalteten Gebiete im Hidjaz bedrängten, wird außer Acht gelassen.

Macht nichts, denn ich blogge ja jetzt dazu. Halleluja.

Und da mir diese beständige und argumentationsresistente Diskussion rund um Islam und Integration auf den Keks geht – und zwar gehörig – ärgere ich nun jene Kreise und deren Emissäre, indem ich eine kleine Anekdote zum Thema „Religionsexport und Subvention aus der Türkei“ zum Besten gebe. Jauchzet und frohlocket, meine LeserInnen.

Also.

Es gibt eine kleine, doch ehrenwerte deutsche Universität, die in Frankfurt zuhause ist und einen Lehrstuhl für islamische Theologie etabliert hat. Ein türkischer Professor namens Ömer Özsoy ist dort Professor für Koranexegese. Was langweilig klingt, bietet etwa den akademischen Boden für zeitgemäße Koraninterpretationen oder auch der Versöhnung von Demokratie und (islamischer) Religion. Eine Professur von Bedeutung also und nicht nur weil die öffentlichen Debatten in Deutschland oder Österreich immer wieder diesen Wunsch nach einem „angepassten“ (keine Wertung meinerseits) Islam hervorbringen, sondern weil eben jener Professor ein Repräsentant der so genannten „Ankaraner Schule“ ist.

Dieser theologische Nexus hat nicht nur Ömer Özsoy hervorgebracht, sondern soll/kann/wird dafür sorgen, dass zukünftige StudentInnen dieser Fachrichtung eine adäquate Ausbildung bekommen werden.

Warum ich das alles erzähle und was das ganze mit „Religionsexport und Subvention aus der Türkei“ zu tun hat?

Nun, besagte Professur wird von der türkischen Religionsbehörde Diyanet gesponsert (!).
Und die deutsche Schwester unseres Islamverbandes ATIB hat die Scharnierfunktion zwischen deutschem Staat und muslimischer Basis inne. Dinge, die islamkritischen Kreisen die Zornesröte ins Gesicht treiben und treiben werden. Gerade bei uns in Österreich dürfte dieser Fall für Stirnrunzeln sorgen – mindestens.

Aber eben diesen Professor porträtiert die deutsche Zeit sehr wohlwollend: Link
Ich zitiere: „Özsoys Kernthese lautet: Der Koran ist kein Buch, ja nicht einmal ein Text. Sondern eine Rede Gottes an eine bestimmte Gruppe von Menschen zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Region.“

Und die Moral dieser Anekdote?

Religionsexport und Subvention ist stets differenziert zu betrachten, gerade in Themenbereichen, die so stark emotionalisiert sind wie Islam und Integration.

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