ATIB Funktionär über das Islamgesetz (Teil 2)

Wir setzen fort:

 

Fuat Sanac und die MJÖ:

Wie stehen die Islamverbände zum IGGIÖ-Präsidenten Sanac?

Der Herr macht deutlich, dass es keine Solidarität mit Sanac gibt, sondern lediglich einen Burgfrieden, da man die IGGIÖ als solche nicht beschädigen wolle und im Jahr 2015 ohnehin Wahlen geplant seien. Von selbst kommt er auf das ambivalente Verhältnis der Milli Görüs Kader innerhalb der IGGIÖ zu sprechen (man bedenke, die Konkurrenzsituation zw. ATIB und MG/IFW). Er verwies auf die ersten kritischen Stimmen INNERHALB der IGGIÖ – so etwa der IGGIÖ-Verantwortliche für die Gemeinde OÖ (ATV Nachrichten berichteten, Anm.), der in einem Fernsehinterview klar gegen die unmittelbare IGGIÖ-Führung Stellung bezogen hatte. Später folgte diesem Beispiel auch sein Counterpart aus Salzburg. Pikantes Detail: Beide Herren kommen aus dem Milli Görüs Lager. Während Sanac also von der Wiener Abteilung der Milli Görüs (Islamische Föderation Wien, IFW) verstärkt unterstützt wurde, damit dieser schlussendlich eine klare Position zum geplanten Islamgesetz einnehmen konnte, opponierten andere MG-Kader offen gegen einen der Ihren am Chefsessel der IGGIÖ. Bemerkenswerte Pluralität für eine ansonsten straff organisierte Gruppierung wie die Milli Görüs.

Und die MJÖ?

Die MJÖ sei kein Islamverband, lediglich eine aktivistische Gruppe, die sich auf Kosten der IGGIÖ profiliert habe. Die Medien müssen wissen, dass die MJÖ keine einzige Moschee im Lande betreibe. Aber wenn eben diese MJÖ zur Pressekonferenz einlade, marschieren alle möglichen Medien auf. Er verweist in diesem Zusammenhang auf zwei Pressekonferenzen, die die islamischen Dachverbänden selbst organisierten (sic!), bei denen allerdings das Medieninteresse viel geringer ausgefallen sei, obwohl dieser Bund weit über 300 Moscheevereine im Lande verantworte. Ein wenig klang da natürlich verletzter Stolz raus.

Fürchten die Islamverbände salafistischen Einfluss?

Bemerkenswerterweise konnte ich bei meinem Gesprächspartner keine wie auch immer geartete Furcht vor der doch beträchtlichen Dynamik des Salafismus feststellen. Mag es, Ignoranz gewesen sein, mag es, vorgespielt gewesen sein. Aber die Furch, die den Funktionär umtrieb, war eher jene, was geschehe, wenn “seine” ATIB im nächsten Jahr tatsächlich schwächer werden würde und ob dann Teile der Anhängerschaft einfach zu den anderen Islamverbänden “überlaufen”. Auch konkreter auf den Salafismus angesprochen, gab er lediglich zu Protokoll, der Salafismus sei medial aufgebauscht und wenige Dutzend Muslime, die diesen Ideen anhingen, stünden nun einmal Hunderttausenden gegenüber, die im Kielwasser der Verbände seien. Sie verlören niemanden an salafistische “Wanderprediger”, da die Salafisten am ehesten “weniger Religiöse” ansprechen könnten, da die Jugendlichen im Schatten der Verbände “gewappnet sein.

Persönlicher Eindruck:

Das vielleicht interessanteste Detail in Gesprächen mit ATIB-Funktionären und Mitgliedern ist ein leises Gefühl, das mich zusehends beschleicht: Teile der ATIB scheinen sich insgeheim nach einer Loslösung von Ankara zu sehnen. Nicht wegen dem Faktor Erdogan, nicht wegen der Islamgesetz-Debatte, sondern weil bei diesen und ähnlichen Themenpunkten die ATIB durch die aus Ankara zugesandten Bürokraten an der Spitze zum Schweigen verdonnert wird. Obwohl jene Kader (mittleres Management bzw. junge Ambitionierte) sehr wohl an TV-Talkshows teilnehmen wollen würden, sehr wohl am politischen Leben in Österreich teilnehmen wollen würden (und eben nicht nur an dem in der Türkei) und ganz generell unglücklich sind über die meist farblosen Bürokraten, die in unregelmäßigen Abständen aus Ankara bestellt werden. Doch eben diese Kreise innerhalb der ATIB bekommen ein klares “Hayir” (Nein) zu hören und müssen dann mitansehen, wie über den größten Islamverband Österreichs gesprochen oder geschrieben wird.

Man nenne mich verrückt, aber angesprochene Kreise innerhalb der ATIB sehen vielleicht doch etwas Gutes an der Islamgesetz-Novelle: Sie würde die bürokratische Schlinge um die österreichische ATIB lockern, ohne dass man sich offen gegen Ankara stellen müsste.

 

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