Ein stiller Helfer

Der Fremde fuhr Tag für Tag auf seinem Fahrrad zur Arbeit. Und auch wenn ihn die meisten seiner Kollegen in der Arbeit ignorierten oder nur bei Bedarf mit minimalen Gesten und tierisch anmutenden Lauten Anweisungen erteilten, so fiel er einem der einheimischen Arbeiter auf. Dieser Arbeiter war ein unscheinbarer, grimmiger Mann, der die Fremden im Grunde nicht mochte. Er sorgte sich, um seinen Arbeitsplatz, falls es einmal zu einer Rezession kommen sollte. Und diese Fremden waren ja auch billiger und überhaupt drückten sie doch letzten Endes nur das allgemeine Lohnniveau nach unten. Exotische Halunken – allesamt. Dennoch fiel diesem einheimischen Arbeiter die schlechte Behandlung des Fremden auf. Zuerst ignorierte er es. Das ging einige Zeit gut. Doch dann sah er den Fremden mit seinem klapprigen Fahrrad am Firmenparkplatz und merkte, dass die Bremsen des Fahrrades nicht funktionierten. Der Fremde, der nie sprach, musste also mit seinen winteruntauglichen Schuhen per Fuß bremsen. Das klappte zwar, bot aber einen jämmerlichen Anblick. Der Einheimische war kein strahlender Held, kein Retter in der Not, aber irgendetwas begann sich in ihm zu verändern. Er ignorierte den Fremden nicht mehr, sondern versuchte fortan mit dem Fremden zu reden. Natürlich war die Kommunikation zwischen den beiden rudimentär, doch der Fremde schien dankbar für jedes noch so kleine Wort, das ihm entgegengebracht wurde. Der Einheimische und der Fremde würden niemals Freunde werden, dafür war der Einheimische den Fremden gegenüber zu feindselig eingestellt. Aber der Einheimische empfand es als unwürdig diesen Fremden schlechter zu behandeln, als jener dies offensichtlich verdient hatte. Der Einheimische würde niemals seine Einstellung den Fremden gegenüber ändern, das schwor er sich, aber ein Anflug von Erbarmen ließ sein kaltes Herz erwärmen, wann immer er diesen einen Fremden sah.

 

Eines Tages war das Herz des Einheimischen wohl genügend aufgetaut und er fragte den Fremden direkt, warum er denn kein Auto habe oder zumindest Bremsen an seinem Fahrrad. Der Fremde stammelte verlegen: “Kein Geld”. Der Einheimische war erbost, denn er dachte, dass der Fremde wohl seinen Lohn in Alkohol oder gar Glücksspiel “investierte” und fragte den Fremden, ob er denn trinke oder gar spiele. Doch der Fremde trank nicht und spielte auch nicht, denn er hatte eine Familie zu ernähren und keine Zeit für derlei Luxus. Mit seinem beschränkten Wortschatz versuchte er das dem Einheimischen klar zu machen. Dieser verstand zwar, zweifelte aber an seinen Worten. Der Einheimische konnte sich nicht erklären, warum der Fremde kein Geld haben sollte. Also verlangte er den Lohnzettel des Fremden zu sehen. Der Lohnzettel des Fremden zeigte zwar ein geringeres Gehalt als das seine an, aber dennoch bekam der Fremde einen Lohn mit dem man sich zumindest Fahrradbremsen oder gar ein neues Rad leisten hätte können.

 

Da fragte der Einheimische den Fremden, wie und wo er denn wohne. Der Fremde nannte ihm eine Adresse, die der Einheimische kannte. Er kannte das alte, baufällige Wohnhaus und wunderte sich, dass dort scheinbar eine Dachwohnung eingerichtet worden war. Der Einheimische, dem all das Mitgefühl für den Fremden Angst machte, schrie den Fremden plötzlich an und entfernte sich von ihm. Die nächsten drei Arbeitstage ging er dem Fremden in der Fabrik aus dem Weg und wollte die Sache einfach vergessen. Aber etwas nagte an seinem Gewissen, dazu kam ein mulmiges Bauchgefühl in seiner Magengrube, das sich wie Übelkeit anfühlte, aber keine Übelkeit war. Er konnte den Fremden und sein kaputtes Fahrrad einfach nicht vergessen. Ja, er hasste die Fremden immer noch, sie waren Fremde und er mochte sie einfach nicht – weder ihre Sitten, noch ihre Erscheinung und schon gar nicht, dass sie in den gleichen Fabriken wie die Einheimischen arbeiteten. Doch dieser Fremde war fleißig, wirkte wie ein anständiger Mensch. Und anständige Menschen sollten Fahrräder fahren, die über intakte Bremsen verfügen. Ja, wirklich, zumindest das muss einfach sein. Man muss diese Fremden nicht mögen, dachte er sich, während er durch das Lager der Fabrik schritt, aber man darf sie deswegen nicht schlecht behandeln. Nein, das wäre ungerecht.

 

Der Einheimische fasste sich ein Herz. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben entwickelte er einem anderen Mitmenschen gegenüber wirkliches Mitgefühl. Einem Fremden gegenüber noch dazu. Er blieb an diesem Tag länger in der Fabrik und wartete auf den Fremden, um ihm dann unauffällig mit dem Auto zu dessen Haus zu folgen. Der Fremde fuhr über schneebedeckte Straßen und kam nur langsam voran. Nach einer gefühlten Ewigkeit blieb das Rad des Fremden vor dem Wohnhaus stehen, das er noch aus Jugendtagen kannte. Es war damals schon alt und baufällig gewesen und seit dem hatte sich der Zustand des Hauses nicht gebessert. Warum Menschen, auch wenn es Fremde waren, in einem solchen Wohnhaus wohnten war ihm nicht klar. Der Einheimische stieg aus seinem Auto und blickte auf die Haustür. Er wusste nicht, was sein nächster Schritt sein würde. Er schloss die Augen, atmete tief ein und ging zur Haustür. Die alten, knarrenden Holztreppen des Hauses waren in einem erbärmlichen Zustand. Der Geruch im Stiegenhaus komplettierte seinen Eindruck, dass hier niemand leben sollte. Zumindest nicht auf Dauer.

 

Da stand er nun. Die Wohnungstür des Fremden im Dachgeschoss stand vor ihm. Es war kalt, noch kälter als im restlichen Stiegenhaus. Er wusste nicht, was er dem Fremden sagen wollte. Dennoch klopfte er an die Tür des Fremden so, als würde es keinen Zweifel an seinem überraschenden Besuch geben. Die Tür ging auf und er erblickte eine zierliche, kleine Frau mit einem Baby in den Armen. Ein kaum zu verstehendes “Grüßgott” kam über ihre Lippen. “Grüßgott”, sagte der Einheimische in einem Tonfall, als würde er erwartet werden. Er rief nach dem Fremden und der Fremde eilte zur Tür herbei. “Darf ich reinkommen?”, fragte der Einheimische und ging hinein ohne die Antwort abzuwarten. Der Fremde und seine kleine Familie waren sichtbar verunsichert. Der Einheimische sah sich in der kleinen, viel zu kalten Wohnung um. Viel gab es nicht zu sehen. Ein Schlafbereich, eine Kochnische, ein Babybett und ein Radio standen im “Kammerl”, das als Wohnstätte einer Familie herhielt. Der ansonsten grimmige Einheimische lächelte den Fremden an und sagte ihm, dass ja bald Weihnachten sei. Weihnachten war dem Fremden ein Begriff, allerdings erklärte dieses “Weihnachten” nicht, warum der einheimische Arbeitskollege nun mitten in seiner Wohnung stand. “Ich wollte dir und deiner Familie zum bevorstehenden Fest gratulieren, daher bin ich gekommen”, sagte der Einheimische. Er streckte dem Fremden die Hand entgegen und versuchte zu lächeln, obwohl er dies so selten getan hatte in seinem Leben. Kaum die Hand des Fremden geschüttelt, stürzte der Einheimische aus der Wohnungstür des Fremden. Den sichtlich verwirrten Fremden in seiner kalten Wohnung zurücklassend, eilte der Einheimische durchs Stiegenhaus hinunter und kämpfte gegen seine Tränen an. Er hätte nicht kommen sollen, er hätte den Fremden einfach weiterhin ignorieren sollen, doch es war zu spät. Der Sturzbach aus Mitgefühl und Erbarmen war nicht mehr aufzuhalten. Kalte Tränen liefen über seine Wangen, während er in sein Auto stieg und wegfuhr.

 

Der Fremde konnte seiner zierlichen Frau nicht erklären, was gerade passiert war. Er ging zur Kochplatte und rührte die köchelnde Suppe weiter um. Er wollte nicht mehr an diesen eigenartigen Einheimischen denken, der ihn beim letzten Mal in der Fabrik noch grundlos angebrüllt hatte. Am nächsten Tag verhielt sich der Einheimische dem Fremden gegenüber nicht besonders. Freundlich schon gar nicht. Ein leichtes Kopfnicken am Morgen war alles, was dieser Einheimische ihm entgegenbrachte. Am Abend sah er den Einheimischen nicht mehr und fuhr wie jeden Abend mit seinem Fahrrad nach Hause. Der kalte Wind erschwerte ihm das Vorankommen und die leichte Vereisung zwang ihn langsam zu fahren, da er noch immer kein Geld für neue Bremsen hatte. Am Wohnhaus angekommen, sah er den Hausbesitzer und war überrascht. Schließlich vermietete der Besitzer zwar sein baufälliges Haus an Gastarbeiterfamilien, aber er selbst wohnte natürlich nicht darin. Der Hausbesitzer rief den Fremden zu sich und gab ihm ein Geldbündel. Der Fremde erschrak und bekam Panik. Wollte der Besitzer sie mitten ihm Winter aus der Wohnung werfen? Das Herz des Fremden schlug immer schneller und schneller. Das Pochen in seinen Ohren übertönte die Worte des Hausbesitzers. Doch dann hielt der Fremde inne. Der Besitzer machte ihm klar, dass er ihm einen Teil seiner Miete erlasse, weil ja die Wohnung eigentlich nicht wohntauglich sei. Der Schimmel, die Kälte und vieles mehr, würden eine Mietreduktion ja erlauben. Der Fremde verstand zwar das Wort Mietreduktion nicht, doch er verstand, dass er weiterhin in seiner Wohnung wohnen durfte und von nun an nicht mehr so viel Miete zahlen musste. Der Fremde war perplex. Freudig erregt und dennoch verwirrt. Warum ließ der Hausbesitzer plötzlich die Miete nach und zahlte ihm gar einen Teil der letzten Miete zurück? Er wandte sich dem Hausbesitzer zu, doch dieser winkte ab, stieg in sein Auto und fuhr weg. Der Fremde erlebte ein Wechselbad der Gefühle und wollte Antworten auf Fragen, doch es gab niemanden, der ihm diese Antworten geben hätte können. Aber er hielt Geld in den Händen, vielleicht sogar genug, um sich Bremsen für sein Rad leisten zu können. Seine Mundwinkel formten ein breites Grinsen und er ging ins Haus.

 

Am nächsten Tag, es war vier Tage vor Weihnachten, ging er in die Fabrik und der Einheimische kam ihm entgegen. Wieder nur ein kurzes, wortloses Nicken. Der Fremde war enttäuscht, dass der Einheimische wohl beschlossen hatte, ihn doch wieder so zu behandeln wie alle anderen. Gerade als er sich zu seinem Arbeitsbereich begeben wollte, schrie der “Chef” seinen Namen. Der Fremde konnte den Nachnamen des Chefs nicht aussprechen, daher nannte er ihn einfach nur “Chef”. Der Chef rief nochmals und er eilte zu ihm ins Büro. Er hatte keine Fehler gemacht, er war auch nicht zu spät, er stritt mit keinem, ging Problemen aus dem Weg, warum wollte der Chef ihn dann dennoch sprechen? Er bekam ein mulmiges Gefühl in der Magengrube und klopfte an die Tür des Chefs. “Herein”, tönte es aus dem Büro und er trat ein. Der Fremde wollte gleich loslegen und sagen, dass er immer “brav” gearbeitet habe, doch der Chef winkte sogleich ab. “Wir haben einen Fehler bei der Lohnabwicklung gemacht”, sagte ihm der Chef, doch der Fremde verstand nicht, was das Wort “Lohnabwicklung” bedeutete. Der Chef sah dem Fremden die Sorge und das Unverständnis an und versuchte sich einfacher auszudrücken: “Du bekommst ab jetzt mehr Geld, wir haben einen Fehler gemacht. Alles in Ordnung, du bist ein braver Arbeiter!”. Der Fremde begriff nicht gleich. Er wusste zwar all die Zeit, dass er nicht so viel Lohn bekam, wie seine einheimischen Kollegen, doch er hatte sich nie getraut, das anzusprechen. Er konnte es nicht fassen. Während sich seine Gedanken überschlugen, unterbrach ihn der Chef brüsk und schickte ihn aus seinem Büro. Doch der Fremde blieb wie angewurzelt vor der Bürotür stehen und versuchte zu begreifen, wie es sein konnte, dass ihm zwei gute Dinge in so kurzer Zeit widerfahren waren. Wieder suchte er nach Antworten, die es aber nicht gab. Daher dachte er an die Dinge, die er für sich klären konnte. Mehr Lohn und weniger Miete also. Dann könnte er sich jetzt nicht nur neue Bremsen für sein Rad leisten, sondern vielleicht sogar einen neuen Holzofen für die Wohnung. Sein Kind war ständig unterkühlt und kränkelte, daher war ein neuer Ofen schon lange auf seiner Liste gestanden, doch ihm hatte einfach das Geld gefehlt. Der Fremde war nie sehr religiös gewesen, doch einen kurzen, dankbaren Blick gen Himmel konnte sich der Fremde dennoch nicht verkneifen. Er hoffte einfach nur, dass das alles kein Traum, sondern wirklich und dass dieses Glück von Dauer und nicht trügerisch war.
Der Einheimische sah von weitem, wie glücklich der Fremde schien. Und auch wenn er es ihm nie sagen würde, freute er sich für den Fremden und seine kleine Familie. Sie würden es von nun an einfacher haben.

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