Ein Gespräch mit einem Wiener „Salafi“

(Anm.: Details zur Person wird es nicht geben, sehr wohl aber relevante Aspekte, die hoffentlich unseren Blick auf das Phänomen „Salafismus“ klären werden)

 

  • Zur Koranverteilaktion durch die Gruppe „LIES!“

Die Koranverteilaktion in Österreich hängt logistisch mit der deutschen Hauptorganisation eng zusammen. Korane und Werbeutensilien kommen aus Deutschland, die Korane selbst werden vorzugsweise in osteuropäischen Druckereien bestellt und anschließend von der deutschen Zentrale aus an europäische Ableger verteilt. Personell und ideell ist es schon schwieriger: Abou Nagie und die Gruppe rund um den deutschen „Star“-Prediger Pierre Vogel werden sehr wohl kritisch gesehen, persönliche Kontakte beschränken sich auf Klärung der Modalitäten im Zuge der Koranbestellungen.

Bis zum November 2013 hatten ein paar junge, muslimische Männer die Verantwortung für das Projekt inne, wurden aber durch einen Familienvater mittleren Alters ersetzt, da Erstere scheinbar allzu „politisch“ waren (Ja, es geht um konkrete Problematik: Syrien & IS). Seit dem versuche man (nach eigenen Angaben) IS-Sympathisanten vom Projekt fernzuhalten.

 

  • Salafist als Fremdbezeichnung

Auf die Frage, ob man sich in der Szene selbst als Salafist bezeichne, ging mein Gesprächspartner ehrlich ein und verneinte es. Schließlich müssten sich ja alle Muslime am Vorbild der ersten Muslime (Salaf – Vorfahren) orientieren und daher sei der Begriff nicht auf eine bestimmte Gruppe anzuwenden. Daher darf es uns auch nicht überraschen (Journalisten-Kollegen schon gar nicht), wenn diese Leute auf die konkrete Frage, ob sie denn Salafisten seien, mit einem klaren Nein antworten. Denn es ist keine Selbstbezeichnung.

 

  • Nusra gegen IS an der Venediger Au

Nach dem großen „Bust“ vor einigen Wochen, der die Szene ordentlich nervös gemacht hat (nervöser und paranoider als ohnehin schon – persönliche Anmerkung), hat sich der Blick auf eine kleine Kellermoschee in Wien konzentriert, die im Grunde zum Symbol des Salafismus in Österreich geworden ist. In besagter Moschee „Altun Alem“ hätte der inhaftierte Prediger Ebu Tejma alias Mirsad O. gezielt junge Männer für den Jihad angeworben. Der brutale Konflikt zwischen Nusra und IS hingegen, der bis heute andauert, scheint keinen Widerhall in der Szene gefunden zu haben. Diesen Eindruck könnte man haben, wenn man die Medien- und Polizeiberichte durchliest. Allerdings wäre das mehr als unwahrscheinlich, dass sich Nusra- bzw. IS-Sympathisanten in der gleichen Moschee aufhalten und es eingedenk der Situation in Syrien zu keinen Reibereien gekommen ist. Mein Gesprächspartner verneint das auch sogleich, die IS-Sympathisanten in der Gemeinde hätten sich lange vor dem Bust mit der (größeren) Nusra Gruppe in der Altun Alem gestritten und seien anschließend in einer Privatwohnung zum gemeinschaftlichen Gebet zusammen gekommen. Gar Messer sollen bei besagtem Streit gezückt worden sei. (Ein sozio-ökonomisches Phänomen, das nicht unbedingt mit dem Salafismus zusammenhängen muss, Anm.)

Conclusio: Falls Vorwürfe gegen Ebu Tejma stimmen, dann hat er gewiss nicht sowohl für Nusra als auch für IS rekrutiert. Vorgeschichte wie auch Internas deuten auf eindeutige Sympathien für die al-Qaida Gruppe Nusra hin. Kein direkter IS-Bezug.

 

  • Österreich sucht den Staatsfeind

Konkret auf die Person Mirsad O. angesprochen, fing mein Gesprächspartner an zu schmunzeln. Er könne nicht glauben, dass eben jener Mirsad, den er seit Jahren kenne und seine „Karriere“ als Prediger verfolgt und mitbekommen habe, tatsächlich ein Hauptideologe des „globalen Jihad“ sei. Seine Predigten seien von vielen in der Szene eher belächelt worden. Möglicherweise aus diesem Grund habe er sich auch immer stärker in die „Takfiri“-Richtung begeben, da ihm das eine Form von Autorität verleihen sollte. Oder anders ausgedrückt, er erklärte immer mehr Mit-Muslime, selbst aus der salafistischen Szene, zu Ungläubigen. Und irgendwann reichte es der kleinen Gemeinde in der Altun Alem Moschee und er wurde „weggelobt“. Mein Gesprächspartner zeigte sich verwundert, dass er nach dem „Rauswurf“ noch in einer Wiener Moschee Unterschlupf gefunden hatte.

 

  • Islamgesetz

Man denkt, Salafisten lebten in ihrem abgeschlossenen Mikro-Kosmos und würden gesellschaftspolitische Debatten nicht verfolgen. Das war/ist/wird sein eine Fehlkalkulation. Mein Gesprächspartner hatte sich ausgiebig mit dem Islamgesetz, der Debatte und führenden Akteuren beschäftigt und konnte überraschend nüchtern die Lage einschätzen. Die Regierung würde den „starken Mann“ markieren, um der FPÖ Wind aus den Segeln zu nehmen, was ihr aber nicht gelingen werde. Die Muslime hingegen wüssten ja, dass sie ohnehin nur Bürger 2. Klasse seien und daher würde das Gesetz lediglich ihre (also auch die salafistische) Haltung bestätigen. Junge Muslime seien zu Recht wütend, nicht nur wegen dem Islamgesetz, sondern weil man ihnen keine „Würde“ zugestehen würde. Das Islamgesetz und entsprechende Debatte als Brandbeschleuniger – ein unschöner Gedanke.

 

  • Hasse die Sünde, nicht den Sünder

Aufgeschreckt wurde ich während dieses intensiven Gesprächs von einer Aussage im Zuge der Diskussion rund um das Phänomen „guter Muslim – schlechter Muslim“. Ich fragte meinen Gesprächspartner, wie er denn zu weniger frommen oder gar unfrommen Muslimen stünde und er erwiderte, dass er ja deswegen Korane verteile. Man müsse die Sünde hassen, nicht den Sünder. Und daher sei der Koran ein Leitfaden, um Sünden zu vermeiden. Er tue seine Pflicht, in dem er Muslimen wie Nicht-Muslimen die Chance gebe, sich von ihren Sünden loszusagen. Ich muss gestehen, dass ich mir eine klischeebehaftete Antwort erwartet hatte. Während mein Gesprächspartner seine Aussage konkretisierte, dachte ich an eine vielzitierte Stelle des Koran (2:256 – „kein Zwang im Glauben“, Anm.) und stellte mir vor, wie „witzig“ es wäre, wenn er jetzt auch noch diese Passage zitieren würde. Und was geschah? Er zitierte eben jene Stelle und ich war erstaunt. Ein Salafist, der dem Klischee einfach nicht entsprechen wollte. Schrecklich.

 

  • Jihadisten für Syrien

Ein langes, intensives Gespräch und immer eingedenk der Tatsache, dass mich mein Gesprächspartner für einen Verfassungsschützler hält und mir einen „Bären aufbinden“ will, und dennoch: Einige Dinge stimmen mit Einsichten und Gerüchten überein, die die Szene als einen durchaus heterogenen Block zeigen, der gefangen ist, zwischen Abkehr von der sündhaften Gesellschaft und einem lodernden Feuer für den Glaubenskampf. In diesem Zwiespalt öffnen sich innerhalb der Szene Fronten, man erklärt sich gegenseitig zu „Kafir“, während andere sich absetzen und konkret „unpolitische“ Aktionen in Angriff nehmen. Bildlich beschrieben ist die Szene wie ein wogendes Meer aus Wellen des rohen Glaubensfeuers.

Wir sprachen über Syrien und jugendliche Jihadisten. Ist es ein gerechter Krieg, fragte ich? Kriege gegen Tyrannen sind immer gerecht, bekam ich als Antwort. Soll man in den Krieg ziehen, fragte ich? Ja, wenn du tatsächlich gegen den Tyrannen kämpfen willst und den Menschen in Syrien helfen willst. Weißt du von Jihadisten, die nach Syrien gegangen sind, fragte ich? Natürlich, sagte er und fuhr fort: Die meisten jungen Leute, die nach Syrien gingen, hatten sich selbst in ihrem Eifer so radikalisiert, dass sie nicht nur in Österreich, sondern nicht einmal in ihrer kleinen, salafistischen Szene leben konnten. Er mache sich keine Illusionen, dass die meisten jugendlichen Auswanderer sich selbst helfen wollten und gar nicht in der Lage seien, den Menschen in Syrien zu helfen. Militärisch seien die meisten untauglich, unerfahren und auch durch das Leben im Westen verweichlicht und glaubenstechnisch könnten sie ja schlecht zu den Muslimen in Syrien reisen und ihnen darüber erzählen wollen, wie man als Muslim zu leben hätte.

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