Zum radikalen Idealismus im Islam

Alle sprechen über IS(IS). Kaum einer hat Ahnung, wovon er spricht, aber dafür wird umso lauter gesprochen und geschrieben. Das passt schon so, das hat man so gelernt. Und so lange man für unreflektiertes Reden und Schreiben eh nicht belangt bzw. sanktioniert wird, wird es sich eh nicht ändern. Wir kennen den Begriff „Salafismus“, doch nur dem Namen nach und nicht etwa der historischen Bedeutung nach. Dennoch benützen wir ihn. Wir kennen die geistesgeschichtliche Entwicklung innerhalb der islamischen Welt nicht, aber das macht nichts, wir können dennoch dazu sprechen und schreiben. Noch nie das Manifest Sayyid Qutbs gelesen? Macht nichts, wird schon irgendwas mit Scharia und Ungläubige töten drin stehen. Wenn man uns spontan fragte, was den das „Salaf“ im „Salafismus“ bedeute, müssten wir betreten schweigen und würden ausweichend über die extreme Gefahr sprechen, die von diesen –isten ausgehe. Macht alles nichts – wirklich nichts.

Aber die wenigen, die nach der intensiven Diskussion rund um Salafismus und IS(IS) doch etwas mehr über Hintergründe und Zusammenhänge wissen wollen, sollten möglichst die schönen Hallen der Öffentlichkeit verlassen und sich den staubigen Regalen des Wissens zuwenden. Denn wer nicht liest, kann nicht wissen. Ich trage diese Arroganz bewusst und wie einen Schild gegen jene, die sich auch nach Jahren und Jahrzehnten weigern, sich einem relevanten politischen Thema ernsthaft und nachhaltig zu widmen.

Pervertierter Idealismus

Zurück zum Thema. Heute wollen wir uns den Ursprüngen extremistischen Idealismus im Islam widmen, denn nichts anderes stellen Gruppen wie IS(IS) dar: Zuerst idealistische und irgendwann militante und puritanische Gruppen, die sich in ihrem pervertierten Idealismus irgendwann selbst zerstören. Doch auf diesem (unbewussten?) Weg der Selbstzerstörung leiden auch Unbeteiligte unter einem unreflektierten Ideal der Vergangenheit, die mit der historischen Vergangenheit wenig bis gar nichts zu tun hat. Daher ist ja auch der Begriff Salafismus allein so wichtig und vielsagend, wenn man sich wirklich mit diesem Phänomen, das uns eben auch in Europa betrifft, auseinandersetzen will. Salaf steht für die Altvorderen, die Vorfahren, die erste Generation der Muslime, aber eben auch für eine Idealisierung jener Altvorderen.  Der Salafismus steht als Sammel- und Überbegriff für die tiefe Krise der islamischen Welt, die spätestens mit dem Aufkommen des europäischen Kolonialismus offenkundig geworden war. Die Muslime reagierten auf diese Demütigung unterschiedlich: Manche strebten eine totale Angleichung an westliche Normen und Ideen an. So ward die Verwestlichung geboren. Andere – meist aus frommen & konservativen Kreisen – gingen mit der Entwicklung der islamischen Welt hart ins Gericht und wollten den Ballast der Jahrhunderte abwerfen. Außer den Altvorderen, sprich den Salaf, hätten alle späteren Generationen der Muslime den wahren (sic!) Islam verkannt und verlassen. Der Salafismus – in all seinen Schattierungen und Formen – ward geboren.

Machen wir einen Sprung. Die IS versucht in Syrien und dem Irak (die Nusra oder andere „jihadistische“ Gruppierungen übrigens auch) eben jene Idealisierung der Vergangenheit umzusetzen. Heiligenschreine werden gesprengt, die Scharia (in ihrer Interpretation) wird erbarmungslos umgesetzt, religiöse und konfessionelle Minderheiten werden bedrängt, außer sie zahlen die so genannte Kopfsteuer. Entscheidend bei der IS ist aber die besondere Grausamkeit, die sie regelrecht zu zelebrieren scheint. Das macht den qualitativen Unterschied zwischen IS und anderen salafistisch inspirierten Gruppierungen in Syrien & Irak aus – nebst militärischen Erfolgen der IS.

Woher kommt diese Grausamkeit und ist sie ohne historische Vorlage? Gibt es vielleicht Gruppierungen in der Vergangenheit des Islam, deren anfänglicher Idealismus nach und nach zu Mord und Wahnsinn geführt hatten? Ich sage ja, es gibt eine historische Kontinuität und es will es an einem Beispiel konkretisieren:

Die Charidschiten

Wer tötete den engsten Vertrauten des Propheten und vierten Kalifen Ali? Es war nicht der Usurpator Muawiya, es waren auch nicht „die“ Sunniten und jetzt wird es einen „Aha“-Effekt geben, denn tatsächlich wurde Ali von ehemaligen Getreuen erschlagen. Doch diese Getreuen handelten nicht zufällig, sondern warfen Ali vor, er habe sich vom Usurpator Muawiya über den Tisch ziehen lassen. Einige frühe Charidschiten sollen zu den eifrigsten und engsten Getreuen Alis gehört haben, doch seine (aus charidschitischer Sicht) zaudernde Art, hat aus Anhängern nach und nach wild entschlossene Feinde werden lassen. Nach gegenseitigen Kämpfen wurde Ali letztlich von einem Charidschiten getötet. Während die beiden Hauptgruppen, die sich bildenden Sunniten und Schiiten, die Gräben immer tiefer gruben, verblieben die Charidschiten als kleine, aber dynamische Minderheit.

Unabhängig von der realpolitischen Situation waren die Charidschiten ideell eine interessante Gruppe. Jeder Muslim sollte Kalif werden können, auch wenn er ein entlassener Sklave oder ein Nicht-Araber war. Das war revolutionär, denn Sunniten und Schiiten wollten entweder Ali und seine Nachfahren auf dem Kalifenthron sehen oder eben die Sprößlinge der mekkanischen Oberschicht. Beide rekrutierten sich also aus dem arabisch-sprachigen Zentrum, daher war der egalitäre Ansatz der Charidschiten revolutionär und sprach eben auch die Leibeigenen und Nicht-Araber stärker an. Aber auch die Charidschiten waren nicht homogen und die kriegerischen Auseinandersetzungen (sic) trieben ihre Ansichten in stetig unbarmherzigere Sphären. An einem Punkt ihrer (kurzen) Entwicklungsgeschichte hatten sie sich dermaßen radikalisiert, dass sie sich gar gegenseitig des Unglaubens bezichtigten und töteten. Getoppt wurde dieser Irrsinn noch durch die Diskussionen, ob die Kinder von zu Ungläubigen erklärten Charidschiten auch getötet werden müssten oder ob nicht doch die „Sünden“ der Eltern lediglich die Eltern beträfen.

Unheilvolle Erlöser

Machen wir einen erneuten Sprung in die Gegenwart. Im syrischen Bürgerkrieg bekriegen sich selbst Nusra und IS(IS). Sie bezichtigten sich gegenseitig des Unglaubens, schlagen einander die Köpfe ab und posieren mit den Schädeln ihrer Gegner. Aus Vorkämpfern einer neuen goldenen Ära des Islams wurden und werden sehr bald ruchlose Mörder und Zyniker im wahrsten Sinne des Wortes. Und die IS ist nicht der erste Fall gefallener Engel. Man denke nur an das Schicksal der afghanischen Mujahedin: Kaum hatten sie dem Sowjetimperium die Stirn geboten, wurden aus frommen Widerstandskämpfern gewalttätige und raubgierige Besatzer eines ohnehin geschundenen Landes.

Die Goldene Ära des Islam wird vielleicht eines Tages wiederkommen. Doch nicht auf den Sohlen jener selbstzerstörerischen Kräfte, die vorgeben uns (Muslime) erretten zu wollen.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s