Vom Schicksal säkularer Staatsgründer im Islam

Mustafa Kemal trank gerne, tanzte gerne (siehe „Zeybek“) und fand hin und wieder auch harsche Worte gegenüber dem Islam. Daher war er allein aufgrund seiner historischen Person bei den so genannten „Islamisten“ (und ihren geistigen Vorgängern den Führern der religiösen Orden) wenig beliebt bis äußerst verhasst. Erdogan war einer jener jungen Kaderleute des politischen Islam, die sich am Erbe Kemals abarbeiteten. Mustafa Kemal gottlos zu nennen, war en vogue, die Keuschheit seiner (natürlich) „jüdischen“ Mutter anzuzweifeln, selbstverständlich und wie süffisant trug man den Gedanken vor, dass die Leberzirrhose – der Todesgrund Kemals – durch allzu starken Alkoholkonsum ausgelöst würde.

Diese Zeiten sind vorbei – zumindest für Erdogan und die Seinen. Noch 1992 gab Erdogan ein (mittlerweile legendäres) Interview und sagte sinngemäß, er wolle nicht nur „die Akteure im Szenario“ auswechseln, sondern ein gänzlich neues Szenario schreiben. Zur Verdeutlichung: Die Akteure stehen für die Parteien, während das Szenario für die laizistische Ordnung steht. Nach 12 Jahren AKP-Alleinregierung und seinem Einzug in den (neuen, pompösen) Präsidentenpalast hat er in der Tat „das Szenario“ weitestgehend umgeschrieben, aber an dem Mythos „Mustafa Kemal“ kam er nie vorbei – weder als junger Wilder noch als gereifter Stratege. Daher bedient sich Erdogan eines Kniffes. Wenn man das Erbe eines Mannes nicht komplett auslöschen kann, kann man es ja vielleicht anpassen an die jeweiligen und aktuellen „Bedürfnisse“.

 

Pakistans Gründer als Lehrbeispiel

Muhammad Ali Jinnah begründete den heutigen Staat Pakistan. Die Islamische Republik Pakistan wohlgemerkt. Und auch wenn Jinnah heute in der kollektiven Erinnerung des pakistanischen Volkes als frommer Muslim und aufrechter Patriot gilt, war die historische Person Jinnah durchaus vielschichtiger. Zunächst war er kein Sunnit, nicht einmal ein 12er Schiit, sondern tatsächlich Ismailit. Nebst seiner konfessionellen Sonderstellung war er auch ein Lebemann, trank gerne, sprach das Englische muttersprachlich und soll ein seltener Anblick in den Moscheen gewesen sein. Wie kann eine frömmelnde Bevölkerung wie jene Pakistans einen ismailitischen Lebemann anerkennen? Kaum, außer sie passt das politische Erbe und die entsprechende Person ihren aktuellen Bedürfnissen an. So geschehen in Pakistan.

Und im Falle der Türkei und Mustafa Kemals? Ein möglicher Ansatzpunkt lag ja bereits in der Ehrerbietung der „einfachen“ Anatolier für „Gazi“ Mustafa Kemal. Offizier und Kriegsveteran; das konnte der gemeine Anatolier bedingungslos akzeptieren, also fokussierte sich die kollektive Erinnerung an den ausgedorrten Hügeln Inneranatoliens auf diese Aspekte, während der Raki-Liebhaber Kemal ins Hintertreffen geriet. Und hier setzte der Sohn anatolischer Binnenmigranten (ja, ich weiß, seine Eltern stammten aus dem „immergrünen“ Rize) an. Springen wir doch gleich in den Wahlkampf zu den vergangenen Präsidentschaftswahlen in der Türkei. Erdogan ließ sich während seiner Kampagne zur Präsidentschaft als „Cumhurreis“ plakatieren. Und warum soll das relevant sein?

 

Osmanisch getränkter Begriff

„Reis-i-Cumhur“ oder in einem moderneren Türkisch „Cumhurreis“ bedeutet salopp übersetzt: Führer des Volkes oder eben Volksführer. Aber die Bezeichnung für den Präsidenten der Türkei ist „Cumhurbaskan“. Cumhurreis war Mustafa Kemal selbst als er noch Präsident war bzw. sein Nachfolger im Amt und ehem. Waffenbruder Ismet Inönü. Der Begriff „Reis-i-Cumhur“ ist übrigens osmanisches Türkisch [sic!] und noch eine Spur brisanter: In seiner berühmten Marathonrede, die im Buch „Nutuk“ zusammengefasst worden ist, spricht Mustafa Kemal vom Amt des „Reis-i-Cumhur“. Erdogan bezog sich in seiner politischen Kampagne 2014 also auf einen Begriff aus der Marathonrede Kemals aus dem Jahr 1927. Man lasse sich dies auf der Zunge zergehen.

Mustafa Kemals Erbe kann also jenes Schicksal ereilen, das auch bereits Jinnahs Erbe ereilt hat: Die Anpassung an die gesellschaftlichen Realitäten – und diese Realitäten stehen im Lichte der Re-Islamisierung. Daher reagieren die (selbst ernannten) Hüter des Kemalismus in der Türkei auch mehr als allergisch, wenn es um eben jene Tendenzen geht. Daher bringen sie Mustafa Kemal als Symbolfigur gegen Erdogan und den politischen Islam ins Spiel – in der Hoffnung Erdogan gelinge nicht, was den politisch-islamischen Kreisen in Pakistan gelungen ist.

 

PS: Natürlich sind große Persönlichkeiten (und ihr Erbe) schon immer Ziel politischer und/oder religiöser Umformungsbestrebungen gewesen. Dennoch soll man die historischen Personen hinter der realpolitischen Idealisierung kennen lernen können, wenn man denn will.

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