Ein Islamgesetz, das keine Herzen gewinnt

Da stehen wir nun – Reihe um Reihe, Schultern an Schultern. Ein junger Mann zu meiner Linken nimmt seine Baseballmütze hastig ab. Ein alter Mann zu meiner Rechten führt mich ruhig aber bestimmt mit seinen zerfurchten Händen, die von einem mühseligen Leben zeugen, und zieht mich einen Schritt zurück.

Muslime und ihre Vorliebe für akkurate Gebetsreihen –  eine eigene Geschichte. Wir sind in einer Stadt in Tirol, in einer „Moschee“, die keine ist, auch wenn sie so genannt wird. Früher lagerten hier Güter für ein Sportgeschäft, das längst weggezogen ist: Schlechte Lage, Asbest in den Wänden, Feuchtigkeit dringt ständig ein. Für uns muss es gut genug sein.

Der Imam, der erst kürzlich aus der Türkei eingetroffen ist, verspätet sich. Er hat einen Nierenschaden, der ihn schwächt und verlangsamt. Er kann aber nicht ins Krankenhaus, weil er zwar in offizieller Mission tätig ist, aber nur als Interims-Imam fungiert und für die gibt es keine Krankenversicherung. Das Verrichten des Gebets fällt ihm sichtlich schwer, die Predigt treibt ihm die Schweißperlen auf die Stirn.

Die Moschee ist rappelvoll. Die Menschen stehen immer noch an der Tür, in der Hoffnung es öffne sich noch irgendwo ein kleines Plätzchen fürs Gebet. Da stehen wir nun: Alte Männer, die zu den ersten Gastarbeitern gehören und sich bereits in Pension befinden oder auf ein möglichst schnelles Pensionierungsprozedere hoffen. Junge Männer, die man draußen auf der Straße als gefährlich oder zumindest störend ansieht, sind besonders bemüht, den alten Männern durch ihre bloße Anwesenheit zu imponieren. Kleine Kinder tollen herum, weil ihre Väter sie zum Gebet mitnehmen wollten, doch sie scheren sich nicht um die Gebete der Erwachsenen und flitzen zwischen den Gebetsreihen hin und her.

Schulabbrecher stehen neben Gymnasiasten, Fromme neben alten Linken, die nur zu hohen Feiertagen die Moschee aufsuchen. Wir sind unterschiedlich und doch eine Gemeinde. Ein hoher Feiertag hat uns zusammen gebracht, doch es fühlt sich nicht so an. Die Lage des kranken Imam, die unwürdigen Räume, in denen wir unser Gebet verrichten müssen, jene, die keinen Platz mehr fanden und sich am Parkplatz zwischen Pfützen und Autos auf Zeitungspapier gen Mekka verneigen müssen. Nein, es fühlt sich immer noch nicht so an, wie es sich eigentlich anfühlen müsste, seit die ersten Gastarbeiter den Zügen entstiegen sind und freundlich empfangen worden waren.

Das Gebet ist vorüber, die Menschen gehen ihrer Wege, einige bleiben, um sich bei Tee und Gebäck zu unterhalten. Ich sitze mich auf einen Plastikstuhl, mein Onkel setzt sich neben mich, mein Vater und zwei ältere Herren, die ich nur flüchtig kenne, setzen sich auch zu uns an den Tisch. Einer von beiden ist Vereinsobmann, der andere sein Kassier. Aber im Grunde sind beide vor allem eines: Alternde Männer, die nie etwas anderes kannten, als „Fremde“ zu sein. Sie klagen, wie sie immer klagen: Leise und mit einer gehörigen Portion Defätismus.

Der Vermieter wolle sie nicht mehr, gerade wegen den Feiertagen und dem großen Andrang an diesen (wenigen) Tagen. Ich frage, ob er jemand anderes finde, der ihm 1600€ für kaum 80m² im Monat bezahle. Achselzucken. Es regt sich etwas in mir, denn ich fahre selbstständig fort: Wer bezahle dem feinen Vermieter mit besten Kontakten in die Lokalpolitik denn so viel Geld dafür, dass man sich hier in dieser Asbesthöhle langsam selber vergifte? Wer lasse sich denn sonst auf 6-monatige Kurzverträge ein und komme für Reparaturen selbstständig auf? Meine Leidenschaft ist entfacht.

Ich sehe eine Gruppe junger Männer mit Flecken auf ihren Hosen im Kniebereich. Ich kenne sie. Sie grüßen mich, doch ich wende mich wieder jenen am Tisch zu und zeige auf die jungen Männer. Ihre Hosen wurden nass, weil sie auf dem Parkplatz gebetet haben, die Pfützen und der Nieselregen taten ihr Übriges. Die jungen Männer stellen sich zu unserem Tisch und hören zu. Ich fahre fort, die Wut trägt meine Worte, denn ich sage, wir seien ja selber Schuld, da wir uns selbst zu Würmern machten und eben dementsprechend behandelt würden. Die älteren Männer am Tisch wiegeln ab, verweisen auf die Gespräche mit der Gemeinde und mahnen Ruhe und Besonnenheit an.

Doch die jungen Männer wenden sich angewidert ab. Sie machen sich auf dem Weg zur Tür raus und werden draußen jene Menschen sehen, die sie für ihre demütigende Situation im Leben verantwortlich machen. Währenddessen nippe ich resigniert an meinem Tee und verfluche den allgegenwärtigen Defätismus in den Herzen der älteren Migranten.

Den schnell erkalteten Tee wegschiebend, verabschiede ich mich und gehe aus der Moschee. Den Pfützen auf dem Parkplatz ausweichend, stelle ich mich kurz auf die Straße, um durchzuatmen. Da kommt ein älterer Herr mit zusammengekniffenem Gesicht vorbei und sieht mich feindselig an. Ich kenne den Herrn, er ist ein um seine Gemeinde besorgter Einwohner. Doch seine Sorge gilt nur den Einheimischen und daher sammelt er immer wieder Unterschriften gegen den Lagerraum, der uns als Moschee dient. Er murmelt etwas, offensichtlich nicht sehr Schmeichelhaftes. Da pocht es wild in meiner Brust, doch ich will ihm keinen Gefallen tun und verzichte auf eine Reaktion. Aber das Gefühl, weniger wert zu sein, nicht anerkannt, nicht geschätzt, verachtet und auch noch in zweiter Generation verarscht zu werden, nehme ich mit.

Ich nehme es mit nach Wien, wo ich studieren und später arbeiten werde. Dieses Gefühl wird mich begleiten, niemals von mir ablassen und mich beschäftigen. Und nicht nur mich. All jene, die Zeugen sind, dieser offensichtlichen Schlechterbehandlung tragen das gleiche Gefühl mit sich herum. Es lässt uns keine Ruhe.

Und wenn uns dieser Tage eine Novellierung des so genannten Islamgesetzes ins Haus steht, dann richte ich jenen Gesetzestext nur nach einem Gesichtspunkt. Kann besagtes Gesetz gegen fortwährendes Unrecht ankommen, kann es uns aus den Hinterhöfen holen, uns Rechtssicherheit vor lokalen Eliten gewähren und uns endlich jene Anerkennung zuteil werden lassen, die wir so sehnsüchtig erwarten?

Denn wenn nicht, wenn eine Novellierung des Islamgesetzes keine Anerkennung und Gleichberechtigung im Lichte unserer Verfassung vorsieht, dann sähe ich eine solche Novelle als Ausdruck jenes Misstrauens, das mich dazumal in meiner Heimatgemeinde so sehr geprägt hat.

Einen Islam österreichischer Prägung strebe man an. Wundervolle Worte, doch ein solcher Islam muss von den österreichischen Muslimen getragen werden. Und er wird getragen werden, wenn man ihnen das gewährt, was ihnen ohnehin zusteht: Anerkennung und Gleichberechtigung. Denn es geht darum die Herzen jener zu gewinnen, die der politischen Klasse viel zu lange egal waren. Aber eine politische Klasse, die nicht die Herzen ihrer Neubürger gewinnen will, ist eine schlecht beratene.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s