Von Kurden und dem Jihad

Da wir in Mitteleuropa gesegnet sind und stets mehr als genug Türkei-, Islam-, Islamismus- und Salafismusexperten haben, hat folgender Beitrag gar keine Daseinsberechtigung.

Ich werde nicht weit ausholen, sondern gleich medias in res gehen. Es geht um Kobani, diese kleine Grenzstadt an der syrisch-türkischen Grenze, die seit Wochen Medien und Fachleute beschäftigt. Dort sollen „die Kurden“ gegen eine islamistische Gruppe namens „Islamischer Staat“ kämpfen. Und „diese Kurden“ – die Kurden scheinen ein politisch zutiefst homogenes Volk zu sein – kämpfen dort eben auch für die kurdische Sache. Okay.

Aber ihnen gegenüber stehen keine gesichtslosen Kämpfer frei von Biographien, Ethnien und Abstammungen. Dieser Teil des Beitrags ist brisant. Denn entgegen der mitteleuropäischen Mythenbildung, die in diesen Tagen Hochkonjunktur hat, sind die Kurden zwar tatsächlich ein Volk ohne Staat, aber dennoch politisch so heterogen wie ihre türkischen, arabischen und iranischen Nachbarn.

Daher darf es auch nicht überraschen, dass es unter den Kurden (der Türkei, Iraks, Syriens und des Iran) beispielsweise nationalistische wie auch islamistische Kurden gibt. Im Falle der Türkei kann man sogar die starke kurdische Präsenz unter den Sufi-Orden, den modernen Cemaat (Gülens Eltern stammten etwa aus einem kleinen kurdischen Dorf) und vielerlei anderen Bewegungen und Gruppen ausmachen, die mit dem politischen Islam zusammenhängen. Ein besonderes Beispiel hierfür ist auch etwa die türkische (eigentlich kurdische) Hizbullah. Unabhängig von der weitaus bekannteren libanesischen Hisbollah ist die Hizbullah ein militant-islamistisches Bollwerk gewesen und dies lange vor Al Qaida oder gar IS.

Islamistische Kurden gegen nationalistische

Aber kommen wir ruhig zurück nach Kobani. Auf der einen Seite stehen also säkular-nationale Kurden der PYD, die wiederum Teil der KCK/PKK ist. Auf der anderen Seite steht eine islamistische Internationale, die sich nicht nur aus Arabern, Kurden und Türken rekrutiert, sondern auch Kaukasier, Maghrebiner und Muslime aus „Khorasan“ (Ostiran, Afghanistan, Usbekistan,…) umfasst. Bemerkenswert ist dabei der Kommandeur der IS im Raum Kobani: Abu Hattab al Kurdi ist – wie der Name schon andeutet – kurdischer Abstammung und soll aus der Kurdischen Autonomieregion im Nordirak stammen, genauer gesagt aus Halabja (andere Quellen sagen Sulaimania). (Er soll bereits am 15. oder 16. getötet worden sein, Anm.)

Wenn al-Kurdi aus Halabja stammte, dann war das insofern pikant, weil der Ort nicht nur wegen des Giftgasangriffs Saddams auf die irakischen Kurden traurige Berühmtheit erlangt hat, sondern auch weil er nach der amerikanischen Invasion des Irak für kurze Zeit eine Art irakisches Taliban-Regime beheimatet hatte und erst amerikanische Bomber diesen „islamischen Staat“ zerschlagen konnten (sic!). Aber kehren wir zurück nach Kobani im Jahr 2014.

Türkische Kurden fallen in Kobani – auf beiden Seiten. Aber wir wollen uns an dieser Stelle auf die IS fokussieren und da will ich keinen geringeren als Rusen Cakir zitieren: CakirPKKKobani

Man könnte also durchaus weitergehen und sogar sagen, dass hier zwei Paradigmen aufeinander treffen. Religiöse Jugendliche, die die säkular/post-stalinistische PKK hassen und säkular-nationale Jugendliche, die den Islamismus verabscheuen und in Islamisten „Volksverräter“ sehen.

Conclusio

Wieso ich das alles schreibe? Im Grunde nur um in meiner Conclusio nun folgendes ausführen zu können. Einerseits missfällt mir die recht unverschämte Reproduktion von Nationalismus (gilt auch für türkische, arabische, iranische Nationalismen), weil man damit die Propaganda Arbeit der nationalistischen Fraktion ja quasi „übernimmt“. Andererseits ist es wichtig zu verstehen, dass die Kurden ebenso wie die Türken, Iraner und Araber KEINE homogene Masse sind und daher Analyseformeln, die mit „die Kurden“ beginnen, als verkürzter Quatsch angesehen werden dürfen.

Unter den Völkern der Region konkurrieren zwei große Paradigmen: Das Nationale und das Religiöse – und bei den Kurden ist es eben nicht anders.

PS: Tipp zur Entwicklung des kurdischen Nationalbewusstseins „Kurdayeti

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