Demokratie und Sunnitentum

Zunächst will ich festhalten, dass ich selbst das Kind hanafitischer Sunniten bin und daher das, was folgen wird, nicht als Angriff oder Bloßstellung zu verstehen ist. Viel mehr soll es eine Anregung sein, darüber nachzudenken, wo und wie das heutige Sunnitentum im Politischen zu bewerten ist.

Das Sunnitentum ist heute – allein zahlenmäßig – die größte islamische Konfession und sieht sich selbst als Mainstream an. Die Schiiten aber auch andere von der „Schiat Ali“ inspirierte Gruppen, die allerdings dem orthodoxen 12er Schiitentum teilweise diametral entgegenstehen, werden von der sunnitischen Öffentlichkeit als „Abweichler“ angesehen.

Der Sunnit von heute wird das Sunnitentum als vom Propheten inspiriert und natürlich wahrhaftig ansehen. Das will ich auch gar nicht in Frage stellen. Was dem gemeinen Sunniten aber nicht bewusst sein dürfte, sind die Umstände und der historische Ablauf, wie das Sunnitentum entstand.

Das Sunnitentum, wie wir es heute kennen, ist im Grunde „sehr spät“ entstanden. Ich denke, wenn wir das 10. Jahrhundert (AD) taxieren, dürften wir grob gesehen richtig liegen. Und auch wenn das Sunnitentum sich selbst in konsequenter Fortentwicklung seit dem Ableben des Propheten sieht, ist die geschichtliche Entwicklung nicht so nahtlos.

Aber keine Sorge, ich will hier nicht Geschichte nacherzählen, noch dazu in einem solch politischen Kontext. Ich wollte nur so weit ausholen, um folgenden Punkt darlegen zu können. Die Sunniten etablierten spätestens ab dem 10. Jahrhundert ein System, das auf die Herausforderung weltlicher Macht, aber auch auf die brennende Frage der Nachfolgerschaft des Propheten (in politischen Dingen), im Grunde sehr nüchtern reagierte – um nicht zu sagen: zynisch.

Nüchtern oder doch zynisch, aber die lange Reihe von Gewaltherrschern, die zwar das Kalifat für sich beanspruchten, aber zu Recht um ihre Legitimität fürchten mussten und die damit einhergehende chronische Instabilität sorgten für tiefe Falten auf den Stirnen der Theologen. Mit den Jahren und den beständigen Unruhen sahen die Theologen den Wert politischer Stabilität höher an als die Suche nach dem heiligen Gral der religiösen Utopie. Denn der Prophet war fort und all das Blut, das in folgenden Bürgerkriegen vergossen worden war, drohte letzten Endes das Erbe des Propheten als Ganzes zu bedrohen. Denn das islamische Reich war noch jung und hatte etablierte Großmächte gegen sich. Daher entschieden sich die Theologen in einem Akt nüchterner Vernunft (garniert mit einer Brise Zynismus vielleicht) auch Usurpatoren und sogar jenen, die sich wiederum vom Kalifat losgesagt hatten oder es gar bekämpften die Legitimität zuzusprechen.

Dieser Akt rettete zwar nicht das Kalifat als politischen Player, aber es stabilisierte die immer zahlreicher werdenden „sunnitischen“ Emirate und Sultanate. Die Herrscher mussten sich lediglich der Macht der sunnitischen Theologen in religiösen Fragen unterwerfen und erhielten so ihre Legitimität, um ihre oftmals tyrannisch geführten Reiche nach innen zu festigen. Unabhängig davon, was dieser Schritt und eigentliche Geburtsstunde des Sunnitentums mit sich brachte, war die Absicht legitim. Die innere Zerrissenheit musste überwunden werden und der religiöse Utopismus der Anhänger Alis (und seiner Söhne) erschien den Muslimen nicht als Allheilmittel.

Und während die Schiiten vom Mainstream (zu Zeiten Alis) zu einer marginalisierten und oftmals verfolgten Minderheit wurden (ab den Kreuzzügen etwa) , wurden auch ihre Ideen und Ansichten extremer. Die so genannten Assassinen zum Beispiel gründeten auf einer theologisch gesehen „extremen“ Idee. Sie waren nicht Diesseits-orientiert, sondern fast schon „apokalyptisch“. Das Sunnitentum hingegen ermöglichte es dem muslimischen Normalbürger seine Religion zu praktizieren und dennoch einen modus vivendi mit der Macht zu finden.

Sunnitentum in Unruhe

Doch viele Jahrhunderte später ist eben jenes Sunnitentum in ständiger Unruhe und Auflehnung. Der „islamistische Extremismus“ muss immer stärker als ein sunnitischer Extremismus gesehen werden. Die Frage, wie es dazu kam, würde den Rahmen sprengen, aber eine Warnung, wie unfruchtbar der gegenwärtige Zustand des Sunnitentums ist, will ich aussprechen.

Wenn eine Mehrheit in einer Gesellschaft oder gar in einem ganzen Kulturkreis in Aufwallung gerät, sich einem Utopismus (den ich in diesem Kontext tatsächlich negativ sehe) hingibt und damit jede Kompromissfähigkeit, jedes Innehalten oder gar Nachgeben verliert, dann ist eine solche Gesellschaft selbstzerstörerisch. Ein Kulturkreis kann nicht gedeihen, wenn das stärkste Paradigma die Abkehr vom Diesseits geworden ist. Und nichts anderes beinhaltet die Idee des extremen Islamismus. Die Vergangenheit zu idealisieren, ist immer schlecht, weil es den Blick vernebelt. Aber dabei all jene bekämpfen zu wollen, die eben jener Idealisierung mit Argwohn begegnen, ist dumm.

Wenn die Sunniten also von einem religiösen Taumel erfasst einer Vergangenheit nacheifern wollen (die „Salaf“ lassen grüßen), die es so nicht gab und dabei die eigentlichen Herausforderungen unserer Zeit vernachlässigen, dann ist der schlechte Zustand der islamischen Welt – sozial, wirtschaftlich und politische nun wirklich keine Überraschung.

Jene Zerrissenheit, die die sunnitischen Theologen nach dem Ableben des Propheten veranlasst hatten, Besonnenheit vor religiösem Eifertum zu setzen, haben heute eine ähnliche Situation vor sich. Während Potentaten keine stabilen Regime etablieren können, kranken die Widersacher eben jener Potentaten daran, dass auch sie keine nachhaltige Legitimität etablieren könnten, selbst wenn sie an die Macht kämen. Noch dazu sehen sie die Demokratie als etwas „Fremdes“ und „unerlaubt Neues“ (bida) an. Doch gerade damit verkennen sie das Potenzial demokratischer Strukturen, Legitimität zu etablieren – frei von Zwang und Willkür.

Ja, die Demokratie ist keine genuin islamische Idee, weil sie viel später aufkam und sich bis heute verändert und entwickelt. Doch als der Prophet Wassergräben um Medina legen ließ, um die mekkanische Armee aufzuhalten, bediente er sich einer List, die für diese Region neu und unbekannt war. Als er eine schriftliche Verfassung in Mekka niederschrieben ließ, wagte er etwas Neues. Und warum tat er dies? Weil er auf die Herausforderungen seiner Zeit & seines Kontextes reagieren musste. Die Sunniten, die sich das Erhalten der Prophetentradition ja qua Eigenbezeichnung auf die Fahnen geschrieben haben, wären gut beraten, dem Propheten zu folgen und auf Herausforderungen mit nüchterner Besonnenheit zu reagieren und keine Angst vor neuen Ideen zu haben.

 

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