Zur Lage im Nordirak

Da selbst elementare Analysen keine Selbstverständlichkeit sind (leider), will ich hier kurz zusammenfassen, was im Grunde ohnehin offensichtlich ist und Ausblick auf Konfliktpotenzial im Nordirak geben.

1) Wie konnte IslamicState die Peschmerga schlagen?

Die Peschmerga sind als Guerilla Einheit konzipiert, sie sind streng genommen keine Armee und ihre Veteranen haben gegen Saddams Armee Guerilla Taktiken angewandt. Doch in diesem Fall mussten sie nicht nur die Aufgaben einer regulären Armee übernehmen, sondern auch noch politische Entscheidungen umsetzen, die militärisch fragwürdig waren.

Einfaches Beispiel: Massierte Truppenkonzentration um Kirkuk und dann auch noch jeweils von KDP und PUK Milizen. Im Bezirk Sinjar hingegen im Vergleich schwache Verbände zur Absicherung eines weitläufigen Gebietes. Und warum massieren die beiden Kurdenparteien ihre Milizen in Kirkuk? Politik und Zwietracht. Beiden wollen im Namen der Kurdayeti (kurd. Nationalbewusstsein) die ölreiche und ethnisch gemischte Metropole Kirkuk einnehmen, ABER gleichzeitig trauen sie einander nicht über den Weg und massieren also jeweils ihre Truppen, während andernorts ihre Linien schwach besetzt sind.

Das entging den militärisch tüchtigen IslamicState Offizieren nicht (viele Tschetschenien Veteranen, aber auch ehemalige irak. Offiziere) und so nahm alles seinen Lauf.

2) Sind die Kurden tatsächlich schlecht bewaffnet?
Nein, denn sie verwenden nicht nur eine Vielzahl (post-)sowjetischer Waffen, sondern bekamen auch im Rahmen der US-Invasion Ausbildung und Waffen von eben jenen, damit die Kurdenmilizen den Norden des Irak ruhig halten konnten. Munitionsengpässe sind (so diese Geschichte wahr ist!) Ergebnis schlechter Logistik.

Wiederum ein einfaches Beispiel: Die von IslamicState erbeuteten Humvee’s sind einfach nur schwach gepanzerte Jeeps und damit keine gefechtsentscheidenden Waffen. Kurz nach dem Fall Sinjars lieferte die Türkei der Kurdenregion (genauer genommen den Barzani Peschmergas) 35 gepanzerte Truppentransporter von Otokar. Gefechtsentscheidend waren diese natürlich auch nicht.

Die irakische Armee ist prinzipiell nach wie vor hochgerüstet und schafft es dennoch nicht Islamic State aus dem Irak zu vertreiben. Somit kann das Versagen hier wie dort nicht auf fehlende Munition & Waffen zurückgeführt werden. Tatsächlich sind Aspekte wie Moral, Führung und Taktik seit jeher mindestens so wichtig gewesen wie Bewaffnung und schiere Anzahl. Und auf diesem Feld sind die militärischen Kader Islamic States einfach „tüchtiger“. Da müssen Iraker wie auch Peschmerga ansetzen.

3) Westliche Waffenlieferungen sind gefährlich

Westliche Waffenlieferungen sind nur dann von Nutzen, wenn sie etwa die Logistik vereinfachen. Da die Peschmerga vor allem post-sowjetische Waffen verwenden, wäre es unsinnig ihre ohnehin schlecht aufgestellte Logistik dadurch zu belasten, in dem man etwa NATO Waffen und damit NATO Munition einführt. Einfache Logistik ist das Ziel jeder bewaffneten Streitmacht: Ein Infanteriegewehr, ein Munitionstyp, effiziente Logistik & Wartung.

Gefährlich wird es natürlich, wenn die Waffen etwa in die Hände der PKK und ihrer Schwesterorganisationen PYD (Syrien) und PJAK (Iran) fallen, denn dann ruft dies automatisch die Sicherheitsinteressen Ankaras und Teherans auf den Plan und gegen diese beiden regionalen Akteure kann man keine Strategie gegen Islamic State aufbauen.

4) Gefahr eines arabisch-kurdischen Bürgerkrieges

Viele werden es nicht gewusst oder ignoriert haben, aber seit Beginn der Kämpfe beschuldigten Barzani Aktivisten in den sozialen Netzwerken arabische Anrainer (Stämme) der Zusammenarbeit mit Islamic State. Allein dieser Umstand kann durchaus zu Racheakten führen und eine lokale Dynamik auslösen. Schlimmer allerdings wäre es, wenn die mit der SCHAMMAR Stammesföderation verbundenen arabische Stämme im Grenzort Rabia Opfer von Racheaktionen werden würden, denn das könnte Teile der mächtigen Stammesföderation auf den Plan rufen. Wenn man den Wikipedia Eintrag zu den Schammar liest, wird man einen Eindruck bekommen, wie hässlich das werden könnte.

Und wenn die sunnitischen Schammar auch noch mit „westlichen“ Waffen angegriffen werden würden, würde das den Widerstand der arabisch-sunnitischen Iraker nur noch weiter anheizen.

5) Blinder Aktionismus heute, betretenes Wegsehen gestern

Die humanitäre Katastrophe in den Bergen von Sinjar ist übrigens nur die Konsequenz aus Ignoranz und Feigheit. Denn die humanitäre Katastrope in Syrien und Irak hängen direkt miteinander zusammen und während wir in puncto Syrien das Nichtstun vorgezogen haben, wollen nun einige Interventionslustige Hals über Kopf in ein Abenteuer stürzen. Mich treibt kein Pazifismus, wenn ich die Interventionslustigen kritisiere, sondern ihre schiere Unwissenheit angesichts der immensen Herausforderungen vor Ort.

Wenn man interveniert, muss man wissen, warum es dazu kommen konnte, wo die eigentlichen Probleme liegen und ob man diesbezüglich überhaupt kurzfristig helfen kann. Erst danach kann man sich Gedanken machen, ob und auf welche Weise man „intervenieren“ kann. Denn die Region hat unter den Interventionen des Westens schon zu lange und zu intensiv gelitten.

 

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