Islamischer „Kemalismus“

Erdogan hat die Präsidentschaftswahlen knapp aber doch gewonnen. Er hatte viel mehr Spenden erhalten, und zusätzlich illegitimen Support durch staatliche Stellen wie etwa das öffentliche Fernsehen und auch etwa durch die Stadtverwaltung Istanbuls. Sei es, wie es sei. Erdogan ist Präsident der türkischen Republik und auch nicht einmal der erste aus dem islamisch-konservativen Block (Turgut Özal war etwa Anhänger der Naqschbandiya).

Seine Balkonansprache allerdings hatte ein paar interessante Stellen. Mehrfach beschwor er vor seinen jubelnden Anhängern das Prinzip des weltlichen „Tevhid“ (reine Polemik, nicht ernst nehmen): Ein Staat, eine Fahne, ein Volk (und ein „Führer“).

Dieser populäre Slogan entstammt aber nicht etwa den Gehirnwindungen des neuen türkischen Präsidenten, sondern ist ein althergebrachter Slogan des frühen Kemalismus. Jenes Kemalismus also, die die islamisch-konservativen Kreise vorgeben zu hassen. Doch sie hassten ihn offenbar nur so lange, wie er sie von der Macht fernhielt.

Ein weiteres tragischkomisches Beispiel gefällig? Erdogan ließ sich als „Cumhurreis“ bzw. „Reis-i-Cumhur“ (osmanisch gefärbte Schreibweise) -Kandidat plakatieren. Die aktuelle Bezeichnung des türkischen Präsidentenamtes lautet allerdings „Cumhurbaskan“, „Cumhurreis“ nannte man bemerkenswerterweise jene früheren Staatspräsidenten, die im Schatten des kemalistischen Einparteiensystems das Amt ausgeübt hatten (allen voran Inönü und Bayar). Erdogan wärmt also einen Begriff auf, der uns in die kemalistische Frühphase zurückführt. Ob das auch demokratiepolitische Relevanz hat, wäre gewiss wilde Spekulation.

Islamisch gefärbter Kemalismus

Wenn man den Kemalismus beschreiben will, kann man sich die so genannten „Ulusalcis“ von heute ansehen und könnte daraufhin ein Bild entwerfen, das wenig schmeichelhaft ist: Denn so wie die Sturm und Drang Phase des junges Kemalismus als paternalistischer Einparteienstaat beschrieben werden kann, ist auch der heutige Kemalismus durchaus anfällig für ein paternalistisches Staatskonzept.

Und an dieser Stelle kommt jenes verführerische Momentum, dem auch offensichtlich die ehemaligen islamistischen Systemgegner erlegen sind, hinzu. Der Kemalismus (früher, rigider Prägung) erlaubte bzw. sah eine „Beglückung“ der Massen durch den engen Zirkel der Staatsführung vor. Während der Kemalismus allerdings eine strikte Verwestlichung vorschrieb, schwebt den heutigen Machthabern natürlich eine Islamisierung vor und daher erscheint das kemalistische Beispiel auch so verlockend.

Ein konkreteres Beispiel dürfte die Stirnfalten der Leser vielleicht verringern: Der türkische Staat ist laizistisch ausgerichtet. Und dennoch wurde schon in der kemalistischen Frühphase das Amt für religiöse Angelegenheiten (kurz: Diyanet) etabliert. Ausbildung, Predigt, Betreuung und vieles mehr wurde und wird dort unter staatlichem Kuratel zusammengefasst. Während aber die Kemalisten dazumal religiös-reaktionäre Bewegungen niederhalten wollen, wollen die heutigen Machthaber natürlich etwas anderes. Doch die Mittel sind die gleichen geblieben.

Wiederum eine tragischkomische Randnotiz in Bezug auf Erdogan und Diyanet: Als junger, ambitionierter Systemgegner lehnte er die Idee der Diyanet ab und war damit in guter Gesellschaft (siehe Gül, Erbakan und viele andere). Doch mit dem Regierungsantritt der AKP erlagen die ehemaligen Systemgegner der Verlockung den Islam in der Türkei paternalistisch zu „betreuen“.

Erdogan’s neue Türkei ist somit tatsächlich eine Neuauflage alter Ideen mit islamischem Zuckerguss darauf: Eben ein islamischer Kemalismus.

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