Lehren aus der Pro-Palästina Demo in Wien

Immerhin 11.000 Demonstranten kamen am 20.07. zusammen, um für Palästina/Gaza, aber wohl eher gegen Israel zu protestieren. Wenn man bedenkt, dass es in Österreich keine ausgeprägte Protestkultur gibt und Demonstrationen mit einigen hundert Teilnehmern schon die heimischen Medien für Tage voll und ganz beschäftigen können, dann war die gestrige Demo eine außergewöhnliche Veranstaltung. Auch deswegen da diese Großdemo nicht von der Mehrheitsgesellschaft getragen wurde, sondern von muslimischen Migrantengruppen (allen voran den Türkischstämmigen, aber nicht nur).

Es kündigt sich schon seit langem an, ich habe es auch zuvor bereits anklingen lassen: Die traditionellen und (weitestgehend) konservativen Türkeistämmigen suchen ihren Platz in der österr. Gesellschaft und Innenpolitik. Die damit einhergehenden Geburtswehen beiseite lassend, muss man es ganz klar benennen. Gesellschaft und Politik haben diese Kreise lange vernachlässigt, sie waren (und sind) gewissermaßen die Parias einer Gesellschaft, die es den konservativen (türkischen) Migranten unmöglich gemacht hat, erfolgreich zu sein. Dieses gesellschaftspolitische Potenzial hat Erdogan nun abgeschlöpft und zwar ganz so und mit ähnlichen Argumenten, wie er dies dazumal in der Türkei getan hat. Hier die entrechteten und armen Anatolier und dort die korrupten, heimtückischen Eliten.

Konservative unter AKP-Banner?

Gestern ging es natürlich um Gaza und Israel, aber wer sich die Reden des UETD Obmanns kontextualisiert zu Gemüte führt, merkt, wie oft es in den Reden um Zusammenhalt geht. Auch gestern sprach er über Zusammenhalt. Auch wenn es unter der Schirmherrschaft der Erdogan’schen AKP geschieht, sammeln sich unter diesem Banner zusehends die konservativen TürkInnen in Österreich – samt finanzieller und logistischer Unterstützung aus Ankara, was wiederum neue (vor allem junge) Leute motiviert.

Früher waren sogar die Islamverbände untereinander zerstritten und gönnten einander nichts – zumindest nichts Gutes. Dann fingen die konservativ ausgerichteten Islamverbände in Ö an, langsam zusammen zu arbeiten und spätestens mit dem gestrigen Event, ist klar geworden, dass sich hier ein starker, konservativer Block bildet – sowohl Junge umfassend, als auch die frommen, älteren Moscheebesucher einbindend.

Früher war die Milli Görüs (bei uns in Ö firmiert sie unter Islamische Föderation oder kurz IF/W) federführend bei anti-israelischen Kundgebungen und hätte es niemals geduldet, dass eine andere Gruppe sich des Themas bemächtigt. Und dieses Mal? Der Chef der IFW Turhan, der nur Türkisch spricht, hält eine wortgewaltige Rede auf einer quasi-UETD Veranstaltung und die IFW Kaderleute sind Ordner, Supporter und frenetische Jubler. Diese Szenerie darf man nicht unterschätzen.

Fazit

  • Die migrantischen Konservativen türkischer Herkunft werden zusehends ein aktiver, innenpolitischer Faktor
  • Dies setzt wiederum die österr. Gesellschaft & Eliten & Medien unter Druck, da sie sich einer neuen Situation gegenüber sehen (werden)
  • Die ÖVP wäre prädestiniert, das migrantisch-konservative Potenzial abzuschöpfen, hat aber noch einen weiten Weg vor sich und muss sich erst selbst klar werden, ob sie eine all-konservative Partei sein will oder eben sozio-politisch in Döbling verharrt
  • Noch ist diese neue, konservative Allianz zerbrechlich und die AKP-Schirmherrschaft ist eine Hypothek, vor allem wenn es um rein innenpolitische Themen geht
  • Linke & Kemalisten und religiöse & ethnische Minderheiten, welche bis dato in den österr. Parteien, Medien etc. überproportional vertreten waren, sehen ihre vorherrschende Rolle gefährdet

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