Politischer Faktor: Umfrageinstitute in der Türkei

In der Türkei sind am 30. März Kommunalwahlen. Für die angeschlagene AKP sind es in der Tat Schicksalswahlen. Erdogan hat selbst verkündet zurückzutreten, falls seine AKP nicht Erster werden sollte. Damit kommt dieser Wahl besondere Bedeutung zu: Da wird kein Blatt mehr vor dem Mund genommen, politisch motivierte Gewalt nimmt bereits jetzt Ausmaße an, die besorgniserregend sind und Erdogan selbst wütet von Wahlkampfveranstaltung zu Wahlkampfveranstaltung.

In dieser Situation wendet man für gewöhnlich seinen Blick auf Umfragen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Chancen tatsächlich stehen. Seit Neujahr haben die vielen, vielen Umfrageinstitute in der Türkei auch regelmäßig ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit mitgeteilt. Und man kann nach Durchsicht dieser Ergebnisse nur eines mit Gewissheit sagen: Die Umfragen haben eine enorme Fehlerquote – scheinbar. Denn von einer klaren AKP-Niederlage mit knapp 29% bis hin zu einem fulminanten AKP-Sieg mit knapp 50% wird alles vorausgesagt.

Grund für Zweifel sind da angebracht und nicht nur, weil es eine schlechte Angewohnheit der türkischen Medien und Umfrageinstitute ist, wichtige Angaben zu Umfragen nur teilweise oder gar nicht zu machen (Stichprobengröße, Zeitraum, Fehlerquote,…).

Exempel für „politisierte“ Umfrageinstitute

Nehmen wir zum Beispiel das doch bekannte Umfrageinstitut GENAR. GENAR sieht die AKP in unterschiedlichen Umfrageintervallen bei 50% und bei den Großstädten Istanbul und Ankara klar in Führung. Die Ergebnisse kann man bezweifeln oder nicht, was aber erwähnenswert ist, dass ein Vorstandsvorsitzender von GENAR der AKP-Bezirksbürgermeister von Esenler Mehmet Tevfik Göksu ist. Ob sich aus diesem Umstand ein Interessenkonflikt ergibt, bleibt der Entscheidung der Leser überlassen.

Mein zweites Beispiel, warum Umfrageinstitute kritisch zu betrachten sind: ORC. Und nein, es handelt sich hierbei nicht um die Fantasy-Grünlinge, sondern um das Objective Research Center. Auch wenn der Name verheißungsvoll ist, ist bei genauerer Betrachtung das entsprechende Institut und auch der Inhaber Mehmet Murat Pösteki durchaus streitbar.Pösteki und sein Institut sind „bekannt“ geworden, als sich 2011 herausgestellt hatte, dass Pösteki wegen Betrug und Dokumentenfälschung beschuldigt war und sein „Unternehmen“ in der Türkei inexistent (Gericht konnte keine Vorladung zustellen, weil Scheinadresse). Gestern kam in der AKP-nahen Zeitung „Türkiye“ eine Umfrage von ORC heraus, die die AKP nicht nur in den umkämpften AKP-Bastionen Istanbul und Ankara klar vorne sieht, sondern sogar in Izmir, der Hochburg der CHP. Möge jeder selbst urteilen, was davon zu halten ist.

Fazit

Wir können also nur eines mit Gewissheit sagen, solange der politische Druck bzw. Instrumentalisierung von Umfrageinstituten weitergeht (durch das politische System als Ganzes): Genießt die Umfragen nur mit immenser Vorsicht.

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