Wie sich Nurcus und Gülencis unterscheiden

Stellt euch ein verschlafenes Dorf im Süden der Türkei vor. Dieses Dorf könnte an den Hängen des Taurus Gebirges liegen.  Heiße Sommer, harte Winter, die Jungen zieht es in die Städte, die Bauern leben hauptsächlich von ihren Schafherden. Dieses Dorf kennt einen alten, weisen Mann, der in einem kleinen Kloster gleich, handschriftlich das Hauptwerk Said Nursis vervielfältigt. Kunstvoll sind die Bögen seiner Buchstaben in Arabisch, frei von Unsicherheit die Führung seiner Feder. Man achtet diesen alten Mann, selbst jene, die sich nicht zur Nurcu Bruderschaft bekennen, denn Weisheit ist ein kostbares Gut. In seinem kleinen Kloster erinnert er mehr an die alten Derwische der Tarikat, als an die modernen Emissäre des Islam. Keine Technologie ziert sein kleines Kloster, nur ein kleiner Holzofen, soll ihm im harten Winter Wärme geben. Am Rücken des Taurus Gebirges ist der Wind hart und verständnislos. Nicht einmal die Weisen will er verschonen. Aber es ist gerade Sommer, als seine Tür aufgeht und der weise Nurcu ein bekanntes Gesicht sieht.

Es ist sein Sohn. Er war viele Jahre zuvor nach Deutschland aufgebrochen, um ein besseres Leben zu führen. Dieses Leben in der Fremde war aber dennoch nicht weniger beschwerlich geworden. Seine Hände sind von der Fabrikarbeit ebenso zerfurcht, wie jene des alten Nurcus von der Feldarbeit. Wortlos grüßen sie sich. Der Sohn setzt sich dem Vater gegenüber und er weiß, womit sie ihr allererstes Gespräch in diesem Sommer beginnen werden. Der Nurcu beginnt unvermittelt und sagt: „Fethullah [Gülen] hat die Risale-i-Nur niemals wirklich verstanden. Heute residiert er in den Vereinigten Staaten und wirkt wie der Chef einer politischen Partei. Das ist nicht der Weg Said Nursis, dieser Weg ist fernab des Lichtes seiner Lehre, mein Sohn.“ Der Sohn verlegen, da die augenblickliche Lage auch ihm nicht gelegen ist, erwidert leidenschaftslos: „Vater, wenn man sich für die Sache Gottes einsetzt, wenn man Schulen baut, den armen Kinder Stipendien gibt, wenn man Teil der schnelllebigen Welt da draußen ist, auch auf die Gefahr von ihr verschlungen zu werden, so ist dies allemal besser, als zurückgezogen darauf zu warten, dass die Menschen kommen und die Weisheit bei dir suchen.“

Der Weise scheint leicht verärgert, denn als kleines Kind hatte ihm sein Sohn das Essen zum Kloster gebracht und ihn stundenlang still beim Vervielfältigen seiner Risale zugesehen. Das ist nun lange her, das wird dem Vater bewusst. Als sein Sohn in der Fremde angekommen war, waren Weisheiten nützlich, aber die Geborgenheit einer aktiven, diesseitigen Cemaat konnten sie nicht ersetzen. Sein Sohn war immer ein guter Junge gewesen. Fromm, freigiebig und ohne irgendwelche Laster – auch wenn ihm seine Gutgläubigkeit bereits als Kind zum Verhängnis geworden war. Als Kind gab er den Kindern der vermögenderen Bauern sein Taschengeld, weil sie ihm sagten, sie bekämen von ihren Vätern kein Geld, da diese trinken würden. Gutgläubig wie er war, gab er ihnen fortan pünktlich sein Taschengeld. Bis zu dem Tag als der Weise sie gesehen hatte und die Kinder der Vermögenden vor Schreck geflohen waren. Erbarmen überwältigte sein Herz als er die großen, unschuldigen Augen seines Kindes gesehen hatte. Er sagte damals seinem Sohn, er solle sein Geld für sich behalten. Denn mit seinem Geld würde die Trinkerei der Väter auch nicht besser werden. Später überbrachten die Mütter der Kinder den ganzen Geldbetrag zum Weisen – von Scham erfüllt, sagten sie, sie wollten ihre Kinder bestrafen. Der Weise sagte aber, sie sollten ihren Kindern lieber erklären, warum ihr Verhalten falsch war und ihren Männern ins Gewissen reden, falls sie wirklich trinken sollten. Darum war er der Weise des Dorfes.

Da sitzen sie nun. Vater und Sohn und so vieles hat sich in diesem Sommer verändert. Eine leichte Spannung ist zwischen ihnen entstanden, obwohl Ankara weit weg ist und Pennsylvania noch weiter. „Fethullah wusste, was er tat, als er den Weg des Politischen einschlug. Said Nursis Leben ist da ein klares Beispiel. Die Politik verdirbt, sie raubt die Spiritualität und auch die Unschuld, lieber Sohn.“ Der Sohn atmet tief durch, den ganzen Weg über vom kalten Deutschland bis zu den warmen Hängen Südanatoliens hat ihn dieses Gespräch beschäftigt. Nun saß er da und sie stehen einander so gegenüber, wie er es befürchtet hat. „Wir setzen uns für die Muslime in der Fremde ein, bauen Institutionen auf, die unseren Kindern den Bildungsweg erleichtern und bleiben dabei anständig und vergessen um kein Gebet. Du sitzt hier und urteilst über unser Engagement in einer Umgebung, die du nicht kennst, weil du außer der Bezirksstadt, in der ihr eure Treffen abhaltet und diesem Dorf ohnehin nichts kennst, Vater.“

Der Vater deutet ihm zu schweigen. Es ist alles gesagt, das wissen beide. Der Sohn wird seinen Weg weitergehen und der Vater einen anderen. Früher hatte der Vater gehofft aus dem Sohn würde ein echter Anhänger des Lichts werden. Doch der Sohn hat sich für die modern auftretende, zentralisierte Gülen Bewegung entschieden. Und auch wenn Fethullah ein Schüler des Lichts gewesen war, ja sogar die Eltern Fethullahs aus dem gleichen Dorf im türkischen Bitlis kamen wie Said Nursi. Den Weg Fethullahs hat er nie gutgeheißen, auch die meisten alten Schüler, die noch lebten, hatten diesen Weg missbilligt. Doch heute war Fethullahs Bewegung gigantisch, während sich die Anhänger der Nurcus im nahen Bezirksstädtchen trafen und keine Außenstehenden zuließen. In den Abend hinein schweigen sich Vater und Sohn an.

Als sie gemeinsam ins Dorf zurückkehren, hören sie vom lauten Fernseher des Dorfcafes, dass der Machtkampf zwischen Gülen und der Regierung nun offen ausgebrochen sei. Doch die beiden gehen wortlos Seite an Seite bis ins Haus zurück. Dort warten schon die Kinder und Enkel.

[Diese Zeilen beruhen auf einer wahren Begebenheit]

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