Gülens Dershanes und die türkische Bildungsmisere

Die türkische Regierung will die Bildungsmisere im Land beheben,
doch dafür müsste sie die privaten Nachhilfeinstitute der Gülen Bewegung schließen lassen

Das türkische Bildungssystem kennt eine Besonderheit. Neben den ordentlichen Schulen staatlicher wie privater Natur, gibt es zu eigenständigen Firmennetzwerken angewachsene Lern- und Nachhilfeinstitute, die eine Lücke im türkischen Bildungssystem entdeckt und erfolgreich kommerzialisiert haben. Da ab der Volksschule landesweite Prüfungen abgehalten werden, die bestimmen, welcher Schüler an welche Mittel- oder Oberschule kommt oder ob ein Studienberechtigter gar einen Universitätsplatz bekommt, wurde mit den Jahren die Kluft zwischen Lehrplänen und Prüfungsvorbereitungen immer größer. Da setzten die privaten Institute an.

Seher Şahin, eine 24-jährge türkische Bildungsmigrantin, die ihren Publizistik-Bachelor in Wien gerade abgeschlossen hat, war an einem privaten Nachhilfeinstitut des Gülen Netzwerks, bevor sie zum Studium nach Österreich kam: „Man muss dorthin, wenn man die Aufnahmetests der jeweiligen Schulstufen schaffen will und wenn man an eine Universität will, dann gibt es gar keine Alternative.“ Denn in den türkischen Schulen wird man nicht auf die Prüfungen vorbereitet, doch der Prüfungserfolg ist das entscheidende. Viele Familien, insbesondere die kinderreichen müssen entweder Darlehen aufnehmen, um die Raten für die Prüfungsvorbereitungskurse bezahlen zu können oder hoffen, ihre Kinder mögen begabt und damit eines Stipendiums würdig sein.

Eine Bildungsreform namens „4+4+4“

Viele türkische Regierungen hatten sich an einer grundlegenden Reform des Bildungswesens in der Türkei versucht, sich aber eingedenk der unterschiedlichen Interessen und lautstarker Interessensgruppen mit Kleinst-Reformen begnügt. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan nahm sich dieses Problems an und präsentierte das neue Reformvorhaben, das in weiterer Folge nur noch „4+4+4“ genannt wurde und die Wogen im ganzen Land hochgehen ließ.

Doch insbesondere ein Reformpunkt ließ besonders aufhorchen: Erdoğan wollte die zeitnahe Auflösung der so genannten „dershane“ – der kommerziellen Lern- & Nachhilfeinstitute. Die besondere Pikanterie daran ist, der Bewegung um den islamisch-türkischen Prediger Fetullah Gülen gehören viele der so genannten Lern- & Nachhilfeinstitute, was wiederum einen wichtigen Anteil an den Einnahmen dieser islamisch-konservativen Bewegung  ausmacht.

Die Bewegung des turko-islamischen Predigers Fetullah Gülen ist seit den späten 90ern die am schnellsten wachsende islamische Gruppierung in der Türkei. Sie hat ein dichtes Netzwerk von Bildungs- und Nachhilfeinstituten, Zeitungen wie Zeitschriften und Schüler- und Studentenheime im ganzen Land etabliert. Sie ist auch in der türkischen Diaspora aktiv und schickt sich an eine internationale Bewegung zu werden, die sich nach ihren Angaben für interkulturellen Dialog und den Weltfrieden einsetzt.

Kritiker wie der türkische Journalist Ahmet Şık, dessen Gülen-kritisches Buch „Die Armee des Imams“ von der türkischen Polizei beschlagnahmt worden war, bezeichnen die Bewegung als machtbewusste, streng hierarchische Organisation, die staatliche Stellen wie die türkische Polizei und Teile der Justiz erfolgreich unterwandert hätte.

Gülen Bewegung als Verlierer der Reform?

Kaum hatte der türkische Ministerpräsident Erdoğan das Reformvorhaben verkündet, stand eine Frage im Raum: Wie wird die Gülen-Bewegung reagieren, die in der Türkei nur noch ehrfurchtsvoll „cemaat“ (die Gemeinschaft) genannt wird? Im Grunde war und ist die Gülen Bewegung eine starke Stütze der islamisch-konservativen Regierung in Ankara, dennoch kam es in puncto Kurdenkonflikt und EU-Annäherung zu Zerwürfnissen, die in der Öffentlichkeit ausgetragen worden waren.
Eingedenk dieser Konfliktlinien zwischen Erdoğan und der Gülen-Bewegung in den vergangenen Monaten, die von den türkischen Zeitungen genau verfolgt worden waren, entschied sich die Bewegung für eine diplomatische Haltung.

Man hielt fest, dass man um die Schülerinnen und Schüler besorgt sei, das Reformvorhaben gefährde den schulischen  Erfolg der anstehenden Jahrgänge, es stünden viele Arbeitsplätze auf dem Spiel und überhaupt würde das Ganze dazu führen, dass nur noch die Kinder mit wohlhabenden Eltern via Privatlehrer die entsprechenden „Drop-out“-Prüfungen schaffen könnten, die mit dem Ende der Volksschule beginnen und über Erfolg und Misserfolg im Bildungsleben entscheiden.

Und dennoch hielten sich nicht alle Gülen-Anhänger zurück mit Kritik am Reformvorhaben.
So schrieb der Kolumnist Ibrahim Öztürk in der türkischen Tageszeitung „Zaman“, die im europäischen Ausland zwar als regierungsnah gewertet wird, aber im Grunde das medienpolitische Flaggschiff der Gülen-Bewegung ist, es sei nicht hinzunehmen, dass in einer Marktwirtschaft einfach unliebsame Branchen verboten werden würden und überhaupt sei der Ministerpräsident nur noch per politischem „Bauchgefühl“ unterwegs. Der Verfasser gehe davon aus, dass dieses Reformvorhaben keinen Bestand vor einem ordentlichen Gericht haben würde.

Außerdem behebe man  lediglich die Fehler des türkischen Bildungssystems und würde über Stipendien und „faire Preise“ auch weniger begüterten Kindern eine Chance zum Bildungsaufstieg ermöglichen.

Die Praktiker sind unsicher

Die türkische Bildungssituation lässt sich am besten mit der PISA Platzierung des Jahres 2009 beschreiben, von allen OECD Ländern fand sich die Türkei zusammen mit Mexiko auf den letzten Plätzen. Insbesondere die Problematik an den türkischen Hochschulen harrt einer Lösung: 2011 gab es etwa knapp 750.000 Studienplätze aber eben 1,8 Millionen Anwärter.  Und die allermeisten dieser Anwärter besuchen die entsprechenden Nachhilfeinstitute, um eine möglichst gute Prüfungsvorbereitung zu bekommen. Dennoch schaffen es nur die wenigsten, die Prüfung zu schaffen und eben auch die gewünschte Studienrichtung und den gewünschten Studienort zu bekommen.

„Das eigentliche Problem ist aber das türkische Schulsystem im allgemeinen, mit Beginn der Volksschule klafft eine Lücke zwischen Lehrplan und Drop-out-Prüfung“, sagt der 30-jährige Teaching Assistant Ömer Gezer von der Hacettepe Universität in Ankara. Eine Reform sei bitter nötig, aber nur wenn man sich vor „ideologischen Experimenten“ hüten würde. Auf die Frage, ob dieser Reformvorschlag der Regierung Linderung verschaffen würde, sagte Gezer, das könne man unmöglich abschätzen, da der Knackpunkt die Drop-out-Prüfungen seien, während die Nachhilfeinstitute ja lediglich Symptome des maroden Systems wären.

„So lange es diese Drop-out-Prüfungen gibt, wird man diese privaten Institute nicht abschaffen können, weil die türkischen SchülerInnen im Schulsystem im Stich gelassen werden“, resümiert Şahin, die es aber doch mittelfristig in die Türkei zurückzieht.

In welcher Form die zumeist Gülen-nahen Institute weiterexistieren werden, ist nicht abzusehen, noch hat die türkische Regierung den Nachhilfeinstituten, die einen geschätzten Umsatz von knapp zwei Milliarden Dollar jährlich erwirtschaften, eine Gnadenfrist von einem Jahr gewährt.

NOTIZ: Diesen Artikel habe ich während meines Praktikums im Herbst 2012 geschrieben. Er wurde allerdings nicht veröffentlicht, dennoch finde ich ihn im Zuge der aktuellen Entwicklungen relevant.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s