Ablöse von Gülen durch Erbakans Schüler

Den ersten heftigen Schlag im Machtkampf bekam die AKP ab. Die zweite Welle der Verhaftungen konnte nur durch Beugung des Rechtsstaates verhindert werden. Auf der 2. Liste steht unter anderem ein umtriebiger Sohn Erdogans.

Allerdings darf man wohl die Reaktion der AKP unter Erdogan nicht als Erfolg werten, schließlich hat man ziemlich unverhohlen eine laufende Ermittlung wegen Korruption und Bestechung, die nun mal bis in die Spitzen der Regierungspartei reicht, sabotiert. Das kann man kaum rechtfertigen und die kläglichen Versuche der regierungsnahen Journalisten sind auch dementsprechend zu bewerten. Der von mir viel zitierte Journalist Rusen Cakir ist sogar der Meinung, dass Erdogan in „eine Falle“ ging, als er offenbar in Panik so reagierte, wie man es wohl erwartet haben dürfte, wenn man Erdogans politische Karriere etwas verfolgt hat. Denn der Nimbus der Unbestechlichkeit und der Transparenz, die für den anfänglichen Erfolg der AKP verantwortlich war, ist endgültig abhanden gekommen.

Bitte nicht falsch verstehen, es gibt kaum etwas Ordinäreres als eine Regierung, die nach über 10 Jahren Alleinregierung hier und dort erste „Ermüdungserscheinungen“ (auch in Form von Korruption) zeigt. Das Besondere in diesem Fall ist erstens, dass der politische Islam und seine Vertreter mit dem Anspruch angetreten waren, eben nicht (so) bestechlich/korrupt zu sein, wie ihre säkularen Vorgänger und zweitens hat eine Regierungspartei den Rechtsstaat ad absurdum geführt, da an den Anschuldigungen gegen AKP-Politiker und deren Söhne offenbar etwas dran ist.

Wenn also die AKP in die Falle gegangen ist, dann hat sie nicht nur viel Reputation verloren, vor den Kommunalwahlen im Frühling einen herben Dämpfer bekommen, sondern eben auch mit der Gülen Bewegung die wichtigste Quelle an „Intellektuellen“ bzw. „Akademikern“ verloren. Ich denke, dass sich dies als besonders schwerwiegend herausstellen wird.

Kaum eigene „Intellektuelle“

Atilgan Bayar hat vor einiger Zeit in seinem Buch „Islamisches Rom“ unter anderem bemerkt, dass die AKP auch nach 10 Jahren Alleinregierung kaum eigene „Eliten“ im universitären und medialen Bereich hervorbringen konnte. Und dies ist auffällig, nicht nur weil in 10 Jahren Alleinregierung allfälligen Eliten alle Türen offen gestanden sind/wären, sondern eben auch weil ohne gutes Personal die Projekte und Pläne der AKP nicht zu bewerkstelligen sind.

In der Vergangenheit waren es oft Anhänger des „Hocaefendi“, die die Reihen aufgefüllt haben, wenn irgendwo ein Rektor-Posten frei geworden war oder ein Berater aus dem akademischen Bereich angestellt worden war. Selbst aktuelle AKP-Kaderleute wie etwa Osman Timurtas, der stellv. Obmann der AKP Jugend, sind im Grunde „Gülens Schüler“. Dieser Timurtas hat hier in Wien studiert und währenddessen als Assistent der Chefredaktion der Zaman Österreich (Zaman Gruppe ist das mediale Flaggschiff der Gülen Bewegung) gearbeitet. Auch wenn er sich mittlerweile kritisch zur Bewegung geäußert hat, kann man selbst ihn als AKP-fremdes Gewächs betrachten.

Es gäbe noch weitere Beispiele, aber im Grunde läuft alles auf den einen entscheidenden Punkt hinaus: Die AKP hat kaum/keine eigenen Eliten hervorbringen können und dies wird sich umso mehr rächen, da nun auch die „Knabenlese“ aus den Reihen der Gülen Bewegung nicht mehr möglich ist. Ich werde nicht darüber spekulieren, warum die AKP kaum eigene „Intellektuelle“ hervorgebracht hat, denn das würde den Rahmen sprengen, doch ist anzumerken, dass die AKP an dieser Flanke seit jeher angreifbar war. So sind viele regierungstreue Akteure in den Medien oder dem öffentlichen Leben politische Trittbrettfahrer. Beispiele hierfür wären zum einen der Chefberater und Verschwörungstheoretiker Yigit Bulut, der vor wenigen Jahren noch scharf gegen die AKP geschossen hatte und zum anderen Nasuhi Güngör, der frische Chef der staatlichen TV-Sendergruppe TRT, der in seinem Buch „Yenilikci Hareket“ die AKP als Produkt der Ambitionen Amerikas (und Israels) bezeichnet hatte.

Erbakan gegen Gülen eingetauscht?

Bleiben wir doch gleich bei Nasuhi Güngör. Dieser kommt publizistisch aus dem Milli Görüs Bereich und zwar war er lange Jahre Journalist bei der Milli Görüs Hauptpublikation „Milli Gazete“.

Ich habe bereits früher darüber spekuliert, ob und wie schnell der Versuch unternommen werden wird Milli Görüs Kader anzuzapfen, da man sehr schnell Ersatz für die Gülen Leute in Staat und Öffentlichkeit braucht. Ich denke, man muss nicht mehr spekulieren, denn die Hinweise sind, wenn man die Details zu deuten weiß, klar. Gerade gestern Abend kam über die staatliche Nachrichtenagentur AA (Anadolu Ajansi) eine Meldung, dass zwei bekannte Vereine der Eroberung Mekkas gedacht haben. Im Grunde eine Milli Görüs Veranstaltung und das zu Neujahr als Hauptmeldung.

Sei’s drum. Auch wenn sich die AKP wieder den Milli Görüs Strukturen (auch im Ausland) zuwenden wird, war die AKP seit jeher ein Riese auf tönernen Füßen. Kaum intellektuelles Potenzial und das wird nicht besser werden.

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