Zum Erdogan’schen Medienverständnis

Erdogan ist ein Ziehkind des Milli Görüs Gründers Erbakan. Auch wenn er sich später mit jenem überwarf, weil Erbakan dem redegewandten, populistischen Erdogan misstraute, ist er doch in diesem Milieu politisiert und teilweise sozialisiert worden. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass „Cemaat“ wie etwa die Milli Görüs oder eben auch die Gülen Bewegung alle Bereiche des Lebens mitbestimmen und dies auch in ihrer erklärten Absicht liegt.

Das heißt Erdogan wurde in einem Milieu groß, dass „Cemaat“ eigene „Medien“ gründete, deren Existenzberechtigung darin lag, die gewiss weisen und natürlich absolut wahren Ansichten und Worte des jeweiligen „Führers“ (lider im Türkischen) abzudrucken und unters Volk zu bringen. Und um das festzuhalten: Auch wenn wir nun aufschreien wollten, diese Publikationen/Medien haben tatsächlich ein journalistisches Selbstverständnis und gehören teilweise zu den reichweitenstarken, überregionalen Zeitungen.

Die Milli Görüs Zeitung „Milli Gazete“ oder die Gülen Zeitung „Zaman“ sind landesweit erscheinende Zeitungen. Die Zaman etwa mauserte sich über die Jahre – trotz einer weltweiten Zeitungskrise – zur auflagenstärksten Zeitung des Landes. Damit ließ sie nicht nur das ehemalige Flaggschiff des türkischen Boulevards Hürriyet hinter sich, sondern kann sogar höhere Leserzahlen aufweisen, als reinrassige Boulevardzeitungen wie etwa Posta und das gegen die AKP Regierung opponierende Sözcü.

Über das „Geheimnis“ des Erfolgs der Zeitung Zaman wird ein anderes Mal gesprochen werden. Dieses Mal konzentrieren wir uns auf das Verhältnis von Cemaat nahen Zeitungen zu entsprechenden Cemaat und was dieses Verhältnis für die türkische Medienlandschaft bedeuten könnte.

Missionarische Plattformen

Diese Zeitungen sind seit jeher „Missionarische Plattformen“, wobei ich festhalten will, dass ich diese Einschätzung als Analyse und nicht als Werturteil verstanden haben will. So werden Aussagen, Einschätzungen von den Cemaat Chefs oder vom inneren Zirkel der jeweiligen Cemaat immer prominent in Szene gesetzt. Diese Zeitungen erinnern uns, wann welcher „lider“ etwas gesagt haben und das er damit natürlich Recht behalten haben soll.

Keine türkische Zeitung ohne prominente Journalisten und deren Kolumnen. Doch die Cemaat Zeitungen haben ihre eigenen Leute, denen sie vertrauen und diese bekommen ihre Kolumnen, auch wenn sie keine journalistische Ausbildung und/oder Vorerfahrung haben.  Und da diese Vertrauensleute in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer Zeitung stehen (nicht nur finanziell wie bei anderen Journalisten, sondern eben auch „spirituell“), ist es nicht weiter verwunderlich, wenn man stets wohltuende Kolumnen und eine vorgefilterte Auswahl an Agenturmeldungen präsentiert bekommt.

Kind seiner Erfahrungen

Und jetzt stelle man sich einen jungen Politiker vor, der voller Neid auf diese tollen Möglichkeiten zur Massensuggestion blickt. Ein guter Redner zu sein und einen vollen Saal von Anhängern in Ekstase versetzen zu können, ist gut, aber eine eigene Plattform zu haben, die diese Rede am nächsten Tag – zuverlässig (!) – im ganzen Land publik macht, ist nun einmal toller.

Der Politiker Erdogan wuchs in einem repressiven Milieu auf. Die Medien waren in den 90ern ein integraler Bestandteil des Systems und die damaligen Islamisten der Milli Görüs der 90er nun einmal die Ausgestoßenen und Parias. So sprach er in frühen Interviews Anfang der 90er Jahre davon einen Systemwechsel und nicht etwa einen Politikwechsel herbeiführen zu wollen.

Das ist ihm auch gelungen, er hat das alte Establishment gestürzt und ihre Methoden zum Machterhalt, unter denen er selbst gelitten hatte, eins zu eins übernommen. Aber in puncto Medien ging er noch einen Schritt weiter. Sein Verständnis und seine Erfahrungn der Cemaat Zeitungen übertrug er auf die klassischen Medien. Demzufolge sollen Medien Meinungen der „lider“ verbreiten, keinen Raum für Zweifel lassen und natürlich muss man allen „Journalisten“ absolut vertrauen können.

In den politischen Nachwehen der Gezipark Proteste erreichte diese Entwicklung seinen Höhepunkt. Kaum einer der bekannten, altgedienten Journalisten hat noch seinen Job bei Zeitungen, deren Besitzer mindestens ein ökonomisches Interesse besitzen, die Regierung Erdogan möglichst nicht zu verärgern.

Conclusio

Aber genau darin liegt auch fatale Schwäche. Denn auch wenn die Cemaat Zeitungen noch funktionieren, so tun sie dies nur, weil loyale Sympathisanten diese brav abonnieren/beziehen, doch eine Gesellschaft ist keine Cemaat und so lässt man sich nur widerwillig betreufeln und findet (siehe Gezipark Proteste) den Segen der sozialen Medien. Erdogan und sein Ideal einer gelenkten medialen Öffentlichkeit ist ein Rezept der 90er, doch wir leben nicht mehr in den 90ern und dieser Beitrag wird automatisch an Twitter weitergeteilt.

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