Islamische Intelligenz und die Bastion der Mehrheitsgesellschaft

„Sie selbst, die Intellektuellen, sind ein Teil dieses Machtsystems, die Vorstellung, sie seien die Agenten des „Bewusstseins“ und des Diskurses, gehört selbst zu diesem System.“
[Analytik der Macht, Foucault]

Was ist die größte Sorge der europäischen Muslime? Islamophobie, Brandanschläge auf Vereinsheime oder Hetze in den virtuellen Arenen Europas? Im Grunde sollte den europäischen Muslimen nichts mehr Sorge bereiten, als das Fehlen ausreichender intellektueller Kapazitäten. Denn ohne Intellektuelle ist man zur Passivität in allen relevanten Themenfeldern der öffentlichen Meinungsbildung verdammt. Schließlich ist die Arena der öffentlichen Meinung ein entscheidender Machtfaktor. Die Muslime Europas glänzen hier durch Abwesenheit respektive Passivität.

Jede Gesellschaft wird (im Sinne Gramscis) hegemonial dominiert. Die vielen Schichten und Gruppierungen (manche würden auch das Wort „Klasse“ hinzunehmen) innerhalb einer Gesellschaft sind tatsächlich Rivalen im Kampf um Macht in seiner ursprünglichsten Form: Einfluss, Geltung, Wertvorstellungen. So etabliert sich eine gesellschaftliche Gruppe als hegemonial und wacht natürlich eifersüchtig über ihre Rolle als Hegemon. Um den Status quo aufrecht zu erhalten, kann sie subtile und weniger subtile Methoden der Machterhaltung anwenden, doch dazu später mehr. An dieser Stelle ist entscheidend: Intellektuelle sind als seltene und kostbare Rohstoffe zu sehen, wenn es darum geht, einer sozialen Gruppe oder Schicht die Möglichkeit zu geben am gesellschaftlichen Machtkampf teilzunehmen.

Eine gesellschaftliche Gruppe, die keine eigenen Intellektuellen hervorzubringen vermag, ist eine im gesellschaftlichen Sinne verlorene. Keine gesellschaftliche Gruppe ist fähig ohne eigene bzw. „organische“ Intellektuelle am innergesellschaftlichen Kampf um Geltung und Einfluss teilzunehmen. So ist auch der wichtigste Vorteil einer hegemonialen Gruppe innerhalb der Gesellschaft der, dass diese den geistigen Nexus in der Gesellschaft dominiert.

Doch zunächst sollten wir den Begriff des Intellektuellen entmystifizieren: Der Intellektuelle, so wie ich ihn verstehe, ist ein aktiver, schöpferischer Geist, der sich im Sinne Ali Schariatis, um konkrete Sorgen und Nöte (vornehmlich seiner gesellschaftlichen Gruppe) kümmert und Lösungsansätze erarbeitet. Der Intellektuelle mag sich also geistig in den Elfenbeintrum begeben, doch realiter sucht er beständig nach Lösungen für weltliche (wie auch spirituelle) Probleme.

So bräuchte es intellektuelles Potenzial um etwa im Zuge einer Diskussion um die so genannte Zirkumzision (im Volksmund auch Beschneidung genannt) einen eigenen Standpunkt zu vertreten, diesen Standpunkt durch zu argumentieren und  – entsprechend den Abläufen und Spielregeln der medialen Öffentlichkeit  – den Kampf um die Deutungshoheit zu gewinnen. Ob dies im Falle Österreichs beim letzten Aufkommen dieses Themas geschehen ist, überlasse ich dem Urteil der LeserInnen.

 

Von der Notwendigkeit eigener also „organischer“ Intellektueller

Auch wenn Intellektuelle stets eine Außenseiter-Rolle innerhalb der Gesellschaft wie auch ihrer konkreten sozio-politischen Gruppe einnehmen, erfüllen sie einen unbestreitbaren Zweck und bieten einen unschätzbaren Mehrwert. In concreto: Der gemeine Muslim wird „seinen“ Intellektuellen aller Wahrscheinlichkeit nach grundlegend kritisieren und geringschätzen. Dennoch ist der gemeine Muslim auf „seinen“ ungeliebten Intellektuellen angewiesen.

Der Intellektuelle hängt also nicht im luftleeren Raum, auch ist er kein Abstraktum, das sich der Definition entzieht. Der Grad der Formalbildung mag eine gewichtige Rolle spielen, doch sie ist kein unbedingter Faktor, um als Intellektueller „sein“ zu können. So ist der Landwirt, der nicht Lesen und Schreiben kann, aber dennoch eingedenk der geringen Einnahmen durch Milch- und Landwirtschaft sich Gedanken um so genannte „Kooperativen“ macht, als Intellektueller anzusehen. Während ein bürgerliches Balg an einer Hochschule, das nicht fähig ist auch nur einen originellen Gedanken zu fassen und das weitgehend als Empfänger für Slogans und ideologische Dogmen zu sehen ist, trotz Formalbildung nicht als Intellektueller zu sehen.

Der Intellektuelle kann organisch oder nicht-organisch sein: Ein organischer Intellektueller ist und bleibt seiner gesellschaftlichen Schicht loyal und in eben jenem Milieu „geistig“ verwurzelt. Diese organische Verwurzelung ist aber eine Seltenheit und damit als Kostbarkeit zu werten. Denn der organische Intellektuelle insbesondere aus Schichten, die klar nicht- hegemonial sind, ist beständiger Gefahr ausgesetzt, von hegemonialen, intellektuellen Zirkeln vereinnahmt zu werden. Ab dem Punkt vermag es ein Intellektueller nicht mehr, trotz Sozialisation, etwas anderes zu sein, als der intellektuelle Wasserträger der bürgerlichen Hegemoniebestrebung. Seine Werte, Ideen und Lösungsszenarien werden durch und durch den Werten, Ideen und Lösungsszenarien der hegemonialen (meist also bürgerlichen) Klasse entsprechen und er wird aufhören, etwas anderes zu tun, als der hegemonialen Struktur zu dienen.

Doch werden wir ruhig konkreter: Die islamische Realität im Herzen Europas kennt den Kampf um Geltung und Inanspruchnahme von Rechten. Doch sie ist mehr als benachteiligt, wenn es darum geht eigene Ideen, Werte und Lösungsszenarien auch nur zu artikulieren. Man kann im europäischen Kontext von einer einzigen „islamischen“ (nicht unbedingt im religiösen Sinn, doch aber im sozialen und ideellen) Schicht innerhalb der Gesamtgesellschaft sprechen. Man kann dies deshalb, weil die anderen gesellschaftlichen Strukturen, nicht nur nicht differenzieren, sondern sie auch nur zwei soziologische „Aggregatzustände“ kennen respektive der islamischen Schicht zugestehen: Das „integriert“ und damit am ehesten der Gefahr ausgesetzt von der hegemonialen Schicht vereinnahmt zu werden, und das „unintegriert“ und damit am ehesten in der Lage, sich den Ideen und Werten der Hegemonie zu entziehen. An dieser Stelle sei gesagt, dass wir an dieser Stelle nicht von Banalitäten wie Sprachbeherrschung und Bildungsabschluss sprechen.

Wie Habermas dazumal schon festhielt, werden die Werte der Mehrheitsgesellschaft (die sich wiederum um eine hegemoniale Schicht schart) früher oder später zu den Werten der Minderheitsgesellschaft; doch dies muss nicht in Stein gemeißelt sein und kann sehr wohl als Herausforderung begriffen werden, diese hegemoniale Kruste aufzubrechen oder es zumindest zu versuchen.

 

Bastion der Hegemonie

Manche von uns, gewiss sind das redliche, doch irregeleitete Geister, versuchen ihrer Aufgabe als intellektueller Vorhut dahingehend gerecht zu werden, dass sie sich an diverse Ideen (besser gesagt Ideologien) heften und fortan alle Lösungsszenarien nur noch aus dem Blickwinkel der jeweiligen ideologischen Perspektive sehen können oder sehen wollen. Sie werden ab diesem Zeitpunkt zu einem geistigen „Schwamm“, der zwar gewillt ist aufzunehmen und von den hegemonialen intellektuellen Zirkeln zu lernen, doch eben jene sind schließlich nicht mehr in der Lage etwas anderes zu sein, als die Träger einer fixen Idee oder Weltanschauung, die nicht auf die Nöte ihrer gesellschaftlichen Schicht reagieren können.

Gewiss ist es keinem von uns entgangen, dass es in Europa eine durchgehende Auseinandersetzung zwischen Links und Rechts gibt. Mag sein, dass eine der beiden Seiten Recht hat oder eben beide Unrecht, doch was dieser banalisierten Beschreibung der angeblich so großen Auseinandersetzung fehlt, ist die eigentliche Natur dieses Konflikts: „Links“ und „Rechts“ mögen die Seiten genannt werden, aber was sie tatsächlich sind; bürgerliche Linke und bürgerliche Rechte. Es ist ein Zwist zwischen Bürgerlichen, sprich eine Auseinandersetzung innerhalb der hegemonialen Gesellschaftsschicht.

Da zwingt sich eine Frage auf – unvermittelt, plötzlich: Was hat ein muslimisches Arbeiterkind davon, der einen oder anderen Seite beizustehen? Denn egal, wer in diesem Konflikt kurzweilig obsiegen mag, das muslimische Arbeiterkind wird auf der Verliererseite sein, denn an der hegemonialen Ordnung im materiellen wie immateriellen Bereich wird und kann sich nichts ändern, dafür wachen die emsigen „Arbeiter“ des Bürgertums allzu eifersüchtig über ihre hegemoniale Ordnung.

An dieser Stelle wird nicht über den Sozialismus oder Konservatismus an sich gesprochen, das soll festgehalten werden. Vielmehr wird von den degenerierten und transformierten Formen der entsprechenden Ideologien durch die hegemoniale Schicht (der Intellektuellen) gesprochen. Links, aber bürgerlich links – rechts, aber eben bürgerlich rechts. Ein Mensch aus einer nicht-bürgerlichen Schicht muss dieses Schauspiel durchschauen und sich nicht zum geistigen Sklaven der Hegemonie machen lassen, außer dieser Mensch sehnt sich tatsächlich nach einem Leben der Knechtschaft und gesellschaftlichen Stagnation.

Nehmen wir die Situation an den Hochschulen (des deutschsprachigen Raumes): Viele linke und rechte Gruppen mögen sich organisiert haben, aber bei genauerer Betrachtung sind es tatsächlich bürgerliche Gruppen, die es sich auch nicht nehmen lassen, bereits an der Hochschule – und dies völlig frei von Scham – (auch muslimische) Arbeiterkinder für ihre hegemonialen Ziele einzuspannen – bei wem letztendlich die Kontrolle über diese organisierten Formen des bürgerlichen Hegemoniewillens bleibt, dürfte offensichtlich sein.

Die Hochschule bildet somit die entscheidendste Form des Kampfes der Hegemonie um Erhaltung eben jener Hegemonie. In keinem anderen „Kampffeld“ verlieren die nicht-hegemonialen Aspekte der Gesamtgesellschaft so viel an intellektuellem Potenzial wie dort.

Denn anders kann man folgende „Weisheit“ auch nicht verstehen: Bildung ist bürgerlich. In der Tat wurde die Hochschule, als ein Hort der Lernens und Lehrens, von den hegemonialen Kreisen zur wichtigsten Bastion ihrer Bestrebungen innerhalb der Gesamtgesellschaft ausgebaut.

Das muslimische Arbeiterkind war bis dato diesen Bestrebungen schutz- und achtlos ausgeliefert. Natürlich sollen muslimische Jugendliche die Universität anstreben, aber sie sollen im Geiste gewappnet sein. Dazu diente dieser kurze Beitrag.

 

Dieser Beitrag erschien im Magazin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGIÖ): Link

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