Zustand der politischen Kultur in der Türkei am Beispiel Manipulationsskandal im Fußball

Ein kurzer Gedanke zum Zustand der politischen Kultur in der Türkei ist notwendig und da gerade der aktuelle Fall des (mehr schlecht als recht) zu Ende geführten türkischen Manipulationsskandals im Fußball schön vor Augen führt, wie man in der Türkei unliebsame Diskussionen ablenkt und ins Nirgendwo verweist.

Was ist geschehen?

Im letzten Sommer wurden über Nacht Dutzende Spieler und Vereinsfunktionäre von türkischen Erstliga-Klubs inhaftiert. Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Bildung einer kriminellen Organisation, Manipulation von Spielen, Bestechung, Erpressung,…
Über Monate hinweg hatte man (unter anderem gegen den langjährigen Fenerbahce Präsident Aziz Yildirim) Indizien gesammelt, Telefongespräche abgehört und hatte zugeschlagen. Die 400 Seiten starke Anklage war auch wenig rühmlich für die vielen „erfolgreichen Geschäftsmänner“ in den Klubvorständen. Da haben wir einen Baulöwen und großen Geldgeber für Fenerbahce Istanbul, Aziz Yildirim, der sich regelmäßig mit Menschen aus dem Milieu der Wettmafia traf, der mit Spielern anderer Mannschaften, die konkrete Aufstellung der gegnerischen Teams durchging und sich nach Genesung verletzter Spieler erkundigte (nur aus Nächstenliebe, versteht sich).

Viele hatten gedacht, das dies das Ende Aziz Yildirims gewesen sei und eine harte Strafe für Fenerbahce (Aberkennung der Meisterschaft, Liga-Strafversetzung, Wettbewerbsverbot,…) und die anderen involvierten Teams abzusehen wäre.

Politisches Kräftemessen

In einem Rechtsstaat hätte es eine lineare Abfolge hin zu einer ordentlichen Haftstrafe geben müssen (eingedenk der Gesetzeslage wären es zu Anfang 88 Jahre gewesen). Doch insbesondere Aziz Yildirim und das Fenerbahce „Lager“ und es gibt ja böse Zungen, die behaupten Fenerbahce sei eine „eigene Republik“, dachten nicht daran einfach dem Rechtsstaat zu vertrauen. Sie mobilisierten, sie mobilisierten
Sportredakteure, die bei anonymen, landesweiten Umfragen mit bis zu 60% dem „Fener“ Lager zuzurechnen sind, sie mobilisierten die Ultras, die in treuer türkischer Fußballtradition gerne mit Geld und Saisonkarten bei Laune gehalten werden, und diese lieferten sich gar Straßenschlachten mit der Polizei oder belagerten (regelrecht) das Metris Gefängnis, in dem Aziz Yildirim zwischen den Verhandlungstagen verweilen durfte.

Auf Fragen der Richter und Staatsanwälte, reagierte Yildirim in typischer Machomanier und verwies auf seinen Reichtum und darauf, dass er dem türkischen Fußball gedient habe, während die anderen ihn nur anpatzen würden. Auch in Österreich kennen wir diese Form der Vorwärtsverteidigung aus dem politischen Bereich, nicht wahr?

Auf konkrete Anschuldigungen, wie etwa das Verlesen von belastenden Telefonprotokollen, reagierte er gelassen, wie es seinem feurigen Naturell entspricht, mit wüsten Anschuldigungen gegen die Vereinsbosse der anderen (nicht involvierten) Topteams, da diese ja offensichtlich nicht sauberer sein könnten als er.

Was am Anfang nach einer kurzen Verhandlung aussah, nahm dann eine dramatische Wende, als das türkische Parlament kurzfristig zusammentrat und die entsprechenden Gesetzespassagen quasi über Nacht aufweichte und die Strafmaße ordentlich herabsetzte (während eines laufenden Jahrhundertverfahrens!). Dem aufmerksamen Beobachter entging die untypische Einstimmigkeit des türkischen Parlaments nicht, nur eine Gegenstimme bei einer fraktionenübergreifenden Absicht den Sündern am Sport entgegen zu kommen.

Die Manipulateure im Vormarsch

Mahnungen von Juristen, Verantwortlichen des nationalen Fußballverbands (TFF) und auch UEFA/FIFA Verantwortlichen verhallten:
„Alles sei in Ordnung, man müsse Schaden vom türkischen Fuball abwenden“, hieß es mantraartig während der PayTV Monopolist *Digiturk* verlautbaren ließ, dass man es finanziell nicht verkraften könnte, wenn etwa Fenerbahce absteigen müsste, da dann viele Fans ihr Abo kündigen würden.

Die willfährigen Sportredakteure taten ihr Übriges, um einen Beschuldigten zum Helden zu stilisieren. Yildirim würde den Machtspielchen „gewisser Kreise“ einsam und heldenhaft trotzen. Für die nicht-türkischen Leser, sei gesagt, diese Formulierung „gewisse Kreise“ ist eine zutiefst in der türkischen Volksseele verankerte Obsession, es gäbe da draußen gigantische Verschwörungen, die nur zum Ziel hätten mittels dunkler Kanäle und heimtückischer Methoden das türkische Vaterland zu vernichten. Die vermeintlichen Urheber solcher Theorien sind oft und gerne Juden, Freimaurer, die USA oder eben die Gülen Bewegung, die ja wiederum im Bunde mit zuvor erwähnten Staaten und Personengruppen stünde.

Man soll mich nicht falsch verstehen, die Gülen Bewegung und ihr rasanter Aufstieg zur Macht, muss und wird kritisch begleitet, aber als schließlich diese besagten „gewissen Kreise“ dahingehend konkretisiert wurden, lachten diejenigen, die bei Sinnen sind, doch die meisten erschöpften sich alsbald in Spekulationen, ob dies denn sein könne.

Ein Beschuldigter in einem Manipulationsskandal konnte plötzlich vom Gefängnis aus den Eindruck erwecken, er kämpfe in Wahrheit gegen die Gülen Bewegung, die nun auch die „Republik“ Fenerbahce usurpieren wolle. Ich darf wiederum den nicht-türkischen Lesern sagen, wie populär das Bild der „letzten Festung“ in der türkischen Erinnerungs- und Diskussionskultur ist: Jede Form der Opposition rühmt sich damit, tapferen Widerstand gegen finstere Tyrannen zu leisten, so lange bis man endlich die Rollen tauschen durfte (siehe individuelle Entwicklung des heutigen AKP Lagers vor und nach der Regierungsverantwortung).

In diesem Sinne ist die Türkei wohl auch das einzige Land auf der Welt, in dem es so viele Gefängnisse mit so vielen Insassen gibt, die aber nicht nur unschuldig sein wollen, sondern lediglich durch finstere Intrigen hinter schwedischen Gardinen sitzen dürfen.

Ratio und Obsession

Punctum saliens ist: Es gibt in der Türkei eine unheilvolle Entwicklung hin zu Verschwörungstheorien, die aber mittlerweile so weit geht, dass sie faktenbasierte oder vernunftbegleitete Erklärungsansätze vollkommen verdrängt. Ein Schwindler kann in einem solchen System vorzüglich agieren, aber der Rechtsstaat oder eben die politische Kultur bleiben dabei auf der Strecke.

Am 19. Juli soll Aziz Yildirim freigelassen werden, Fenerbahce spielt weiterhin (ohne irgendwelche Strafen ausgefasst zu haben) und der PayTV Monopolist *DigiTurk* darf sich weiterhin ungestraft monopolistisch den türkischen Fußball zu eigen machen. Und während die wenigen Seligen aus dem Umfeld des Fenerbahce Lagers frohlocken dürfen, sie hätten finstere Pläne vereitelt, wissen es viele doch besser.

In memoriam türkischer Fußball, gest. 2012.

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