Die „kranken“ Kinder von Anatolien [Etyen Mahçupyan]

Das Wort Diaspora hat in der Türkei keine positive Bedeutung. Obwohl wir sogar Zentralasien als unrealistische Volksgenossenschaft betrachten, tun wir uns schwer, die muslimischen Türken im Ausland als Menschen in der Diaspora zu akzeptieren. Wir fangen erst an, uns mit der Meinung anzufreunden, dass es uns geistig bereichert, wenn Türken die Staatsbürgerschaft fremder Länder besitzen.

Während es uns leichtfällt, die Menschen in anderen östlichen Ländern, die als „Türken“ bezeichnet werden, aber mit Anatolien nichts zu tun haben, ans Herz zu drücken, scheuen wir uns, darüber nachzudenken, weshalb uns die anatolischen Exilanten im Westen befremden. Vielleicht liegt es daran, dass der türkische Nationalismus sich im Streit um Territorium entwickelt hat und unterschiedliche Ethnien in Zusammenhang mit ihrem Recht auf dieses Territorium bewertet werden.
Wir wissen, dass das anatolische Territorium eigentlich von verschiedenen Völkern bewohnt wird, und nehmen jede andere Identität, die uns an diesen Pluralismus erinnert, als Bedrohung wahr. Denn die alte Zeit sagt, dass auch diese Menschen ein Recht auf dieser Erde haben.

Anatolien als Mittelpunkt der Völkerwanderungen

Auf der anderen Seite hat dieses „Recht“ keinen direkten Zusammenhang mit dem Besitz von Territorium. Es handelt sich dabei um das Recht auf Leben. Anatolien befand sich immer im Mittelpunkt der Völkerwanderungen, bei jedem Durchzug blieben eine Menge Menschen hier und erhöhten die ethnische Vielfalt.
Armenier, Griechen und Kurden waren die Gastgeber dieser Wanderungen. Sie haben ihre Identität bewahrt, aber die Mischungen, die die Kultur der Neuankömmlinge umfassen, wurden auch in die Arme geschlossen. Diese Territorien haben Jahrhunderte lang viele Regierungen erlebt. Armenier, Griechen und Kurden konnten sich nur auf lokaler Ebene und nur vorübergehend selbst regieren. Sie hatten nicht die Absicht, sich Anatolien zur Gänze anzueignen.
Stattdessen bevorzugten sie, ohne auf die Religion und Sprache zu beachten, unter dem rechtlichen Schirm desjenigen zu bleiben, der den allgemeinen Frieden gewähren konnte. Dieses Territorium pflegte daher eine Kultur, die von einem ausgewogenen Miteinander und gegenseitiger Beeinflussung geprägt war.

Nationalismus hat den Zerfall genährt

Der Nationalismus hat diese originelle Struktur zerstört, die Mischungen verurteilt, den Zerfall genährt, das Zusammenleben unmöglich gemacht und zum Überfluss auch noch eine krankhafte Erwartung produziert, die die ethnische Identität in das Territorium integriert. Interessant war, dass es die Armenier waren, die diese Krankheit als Letzte befiel – und die Türken, die ihre eigene Identität „entdeckten“. Beide Völker vermissten im Großen und Ganzen mehrheitlich das Osmanische Reich. Die (türkischen) Ittihadisten und die (armenischen) Daschnaken hatten nicht nur dieselbe Gesinnung und modernistische Perspektive. Bis 1914 arbeiteten sie auf Basis dieser Krankheit zusammen, und es war dann nicht erstaunlich, dass diese Krankheit ihren eigenen Kindern verzehrte. Der Nationalismus war letztlich die Verherrlichung einer einzigen erwünschten Identität. Eine andere Identität war dann nur noch in Notfällen möglich.

Die Atmosphäre des Ersten Weltkrieges gab den Ittihadisten die Gelegenheit, auf die sie gewartet hatten: Sie säuberten das Territorium von anderen Identitäten, betrogen und überrannten die Daschnaken auf der politischen Bühne. Diese Vorfälle ereigneten sich im 20. Jahr der osmanischen Unterdrückung und lokalen Vernichtungspolitik gegenüber den Armeniern. Aus diesem Grund handelten die Ittihadisten eigentlich nicht dem osmanischen Staat zuwider. Sie hielten jedoch geheim, bis zu welchen Punkt sie gehen wollten. Manche Abgeordnete der Regierung erfuhren erst nach Monaten, wie die Armenische Deportation überhaupt aussah.

Armenier in Dardanellen und Sarikamis als osmanische Soldaten gestorben

Die Daschnaken waren niemals so stark wie die Ittihadisten. Denn sie waren eine der politischen Parteien, die die Erweiterung von Freiheiten verlangten. Sie genossen außerdem weder vom armenischen Patriarchat noch von den Armeniern in Istanbul Unterstützung.
Als jedoch gegen Ende des Jahres 1914 das ittihadistische Projekt sichtbar wurde, waren fast alle Armenier auf der Seite der Daschnaken.
Denn die Gewalt des Staates hatte den Rechtsanspruch der Armenier in Wut und Abscheu verwandelt. Alles, was in einem Jahr geschah,
brachte großes Hassgefühle hervor und diejenigen, die vor dem Massaker flüchten konnten, kamen mit der russischen und französischen
Armee zurück und begingen große Menschheitsverbrechen. Währenddessen sind jedoch weiterhin viele Armenier in Dardanellen und Sarikamis als osmanische Soldaten gestorben. Und zwar in einer Art und Weise, dass Enver Pascha sich bei ihnen für ihre Tapferkeit in Sarikamis offiziell bedankte. Auch in der osmanischen Bürokratie haben die Armenier an vielen Stellen weiterhin Posten besetzt. Manche haben sogar später beim Befreiungskrieg logistische Unterstützung geleistet.

Es ist eine düstere Vergangenheit. Aber gleichzeitig eine menschliche. Sie erinnert diejenigen, die ein Herz in ihrer Brust haben, an die Vielfalt, die Mischungen, den Reichtum dieses Territoriums. Sie flüstert uns zu, wie der Nationalismus diese Landschaft krankmachte, warum wir uns noch immer schwer tun, einander zuzuhören und zu verstehen. Diese Vergangenheit lehrt uns, warum die Armenier im Ausland zu den Daschnaken hingezogen wurden, und sie erzählt uns, warum sie in diesem Ausmaß der Herzensstimme der Türkei bedürfen. Anatolien sucht nach seinem verlorenen Herz und Gewissen.

Quelle: ZAMAN

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s