Muslimische Intellektuelle und ihre Mission

Die Muslime Europas scheinen verloren. Die Islamophobie ist vom Randphänomen zur geistigen Hauptströmung geworden. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, warum die Muslime Europas verloren scheinen. Man kann entrechtet sein – im Hinblick auf die Religionsfreiheit und auf die Würde des Menschen, man kann auch angefeindet werden und sich tagtäglich behaupten müssen, so wie die Frauen, die sich aus freien Stücken das Kopftuch umbinden und in einem Europa des Irrsinns zu Zielscheiben eben jenes Irrsinns werden. Und dennoch kann man Hoffnung haben, nicht verloren zu sein. Dennoch kann man Hoffnung in sich tragen, die Zeiten mögen und werden sich ändern.

Warum könnten die Muslime Europas also verloren sein?

Hierzu muss etwas ausgeholt werden: Sagen wir, jede Gesellschaft besteht aus Klassen. Jede Klasse wiederum aus Schichten. Und auch die Muslime Europas sind in diesem System einzuordnen. Sie scheinen zusehends eine einzige Klasse zu sein – dank der Entrechtung und Marginalisierung durch die Mehrheitsgesellschaften Europas – und sind keine führende oder gar bestimmende. Manche mögen nun an die Parias im Hindu-Kastensystem denken, was jenen auch freigestellt sei.

Wenn die Muslime zusehends als eine Klasse, um politische Hegemonie und Geltung ringen müssen, dann stellt sich die Frage nach den Intellektuellen unter den Muslimen. Denn ohne Intellektuelle, das sagte schon Gramsci, kann keine gesellschaftliche Klasse die führende und bestimmende herausfordern respektive verdrängen. Schariati beschreibt den Intellektuellen in seinem Werk „Zivilisation und Modernismus“ als „denjenigen, der seine Gesellschaft und ihre Probleme kennt“. Der muslimische Intellektuelle weiß also, um die Probleme der europäischen Muslime, weiß sie zu artikulieren und hat folgerichtig die Suche nach Lösungen aufzunehmen. Der Intellektuelle ist also der Aktivposten einer sozialen Gruppe oder Klasse.

Sind muslimische Intellektuelle in Gefahr?

„Jede Klasse hat ihre Intellektuellen“ schreibt Gramsci in seinen Gefängnisheften, doch damit nicht genug. Die Intellektuellen der nicht-bestimmenden Klassen sind gefährdet. Da, was auch alle historischen Beispiele klar belegen, die einzelnen Intellektuellen der marginalisierten Klassen durch die intellektuelle Hegemonie der bestimmenden und führenden Klasse wahlweise verführt oder „assimiliert“ werden.  Die einzelnen, scheuen Intellektuellen der europäischen Muslime sind also begehrt in den Augen der lüsternen Hegemonie der bestimmenden Klasse.

Diese Gefahr ist nicht zu bannen. Man kann sich aber durch Bewusstwerdung des Problems wappnen. So müssen die europäischen Muslime und deren aufkeimende intellektuelle Vorhut gewappnet sein, um den erhabenen Marsch zu Recht und Würde zu schaffen. Keine Ideologie wird den europäischen Muslim retten, kein Liberalismus, kein Konservatismus, kein Kapitalismus und kein Kommunismus. Die elysischen Felder unserer Zeit sind die Ideale der Formalverfassungen der Länder Europas. Denn diese sind wortgewordene Garantien der Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten der Muslime Europas. Deswegen sprechen diejenigen, die sich dem Kampf gegen eine „angebliche Islamisierung“ Europas verschrieben haben, auch so ungern über eben diese Verfassungen.

Der muslimische Intellektuelle und die Mission

Der muslimische Intellektuelle hat also nicht nur die Mission, seine gesellschaftliche Rolle zu erfüllen, in dem er Probleme aufzeigt und Lösungen erarbeitet. Er ist es auch, der sich gegen die Versuche der intellektuellen Hegemonie fortwährend wehren muss, um seiner Klasse, also den europäischen Muslimen, die Chance zu erhalten, um als Ganzes zu Recht und Würde zu kommen. Das ist ihre Mission und sie ist keine leichte. Die zahlreichen Keimlinge einer intellektuellen Saat sind zu sehen, doch der Ist-Zustand erwartet vom muslimischen Intellektuellen, dass er schier Unmögliches vollbringt und eigenständig im Denken und Handeln bleibt. Wahrhafter Individualismus also.

Wie schon Oscar Wilde in seinem Werk „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“ warnend festhielt: „Die Welt hasst die Individualität“. Die muslimischen Intellektuellen werden diesen Hass ertragen müssen.

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