Serbischer Nationalismus und die „Esterajh“ Connection

Jedes Jahr um diese Zeit trauern zwei Völker um ihre Toten. Den Bosniaken widerfuhren im Krieg unglaubliche Verluste an Land und Leuten, doch auch die serbische Seite musste kriegsbedingte Verluste in Kauf nehmen.

Doch warum sind die nationalistisch gesinnten Serben dermaßen erpicht, die eigenen Untaten in den Internetforen dieses Landes (von biber bis Standard) kleinzureden und die eigenen Verluste an Menschenleben hervorzuheben? Srebrenica wurde zur Grabkammer der Bosniaken, daran ist nicht zu rütteln, auch wenn serb. Nationalisten gerne abstruse Zahlenspiele anführen, um „gewisse Dinge“ endlich ans Licht zu kehren.

Gestern las ich im Standard (Online), dass serbische Nationalisten, die teilweise extra aus dem Mutterland angereist waren (mit Beamtenpässen), ihren Toten in Bratunac (einem Nachbarort Srebrenicas) gedacht haben – mit Mladic Fahnen in den Händen und der unseligen orthodoxen Priesterschaft im Schlepptau. So sieht der Versöhnungsprozess also aus der Sicht serbischer Nationalisten aus…

Was tangiert uns das hier, wird man nun fragen?

Nun, wir leben hier in Österreich und hier gibt es größere Communitys aus den ehemaligen Ländern Jugoslawiens. Doch warum der serbische Nationalismus zu thematisieren ist, verrät dieser Umstand noch nicht: Der serbische Nationalimsus bzw. das serbisch nationale Lager in Wien und Österreich wurde von einer gewissen Partei als großes Wählerreservoir erkannt.
Da beginnt das Unglück. Denn wenn wir stets vernehmen konnten, nationale Gesinnungen der Migrantencommunitys seien Hindernisse auf dem Weg zur Integration, dann stellt sich die Frage, ob dies von den politischen Verantwortlichen auch entsprechend umgesetzt wird, denn wenn ein potenzielller blauer Kanzlerkandidat dem serbischen Nationalismus seine Aufwartung macht, dann hindert dieser ja jene Menschen auch an der Integration. Doch damit nicht genug: Er stärkt und legitimiert irrationale, national gesinnte Serben und marginalisiert damit diejenigen, die sich nicht über Srebrenica und Mladic identifizieren, sondern über Toleranz, Vergangenheitsbewältigung und einer demokratischen Grundgesinnung – die biber RedakteurInnen serbischer Herkunft sind hierfür als Beispiele anzuführen.

Divide et impera!

Machen wir uns doch bitte nichts vor, noch vor wenigen Jahren (also vor 9/11) galten Serben als die Bösen, nicht nur wegen Srebrenicas, schließlich waren Serben und Russen strategische Feinde der k.u.k. Monarchie.
Es klingt mir noch in den Ohren, wenn ich bei den Eltern meiner damaligen österr. Freundin eingeladen war und diese ungeniert von „kulturlosen Tschuschen“ (vor allem im Hinblick auf Serben, wie zu vernehmen war) schwadronierten, die außer körperlichen Arbeiten zu nichts zu gebrauchen wären.

Das ist der Punkt, an dem wir alle aufschrecken sollten, nicht (nur) wegen des Gesagten, sondern auch wegen dem, was das Gesagte impliziert: Gute und böse Ausländer entlang religiöser oder ethnischer Linien gibt es nicht, man kann sie politisch kreieren, aber realiter nicht fassen. Der Kosovo oder auch die RS, all das dürfte für unsere serbischen Freunde und Mitbürger nicht mehr Primärmotivation für Wahlentscheidungen auf kommunaler Ebene sein, aber die gemeinsamen Erfahrungen und Probleme in den Fabriken, auf den Spielplätzen, in den Amtstuben und Versammlungssälen dieses Landes sollten uns (alle Menschen, die sich selbst in 2. Generation und mit einem österr. Geburtsort noch „Migranten“ nennen dürfen) als eine Einheit begreifen, deren Interessen überlappen und dementsprechend artikuliert werden müssen.

Das serbische Volk steht an einem Scheideweg, egal ob in Bratunac, Belgrad oder Hernals: Wird man sich von den Mythen und Lasten der Vergangenheit befreien können, unheilige Allianzen endlich aufkündigen und einer Welt ins Auge sehen wollen, die nun einmal auch ein mehrheitlich albanisches Kosovo oder einen zu vitalisierenden bosnischen Staatsverband mit einschließt?
Ansonsten bleibt den Serben dieses Landes weiterhin die Abgeschiedenheit ihres Widerwillens mit Niederlagen und Enttäuschungen umzugehen: Als ich damals in meiner Tiroler Heimatgemeinde Fußball spielte, gab es meist „ethnische“ Teams. Bosniaken und Türken boykottierten das serbische Team, und die „Österreicher“ hatten keine Ahnung, worums ging – fast könnte man meinen, ich hätte die sozio-politische Lage in Österreich beschrieben, nicht wahr?

Das Biber – Link

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