Türkische Wahlen und die Wehen danach

In meinem letzten Artikel sprach ich über die Orden in der Türkei und ihre Rolle im politischen Prozess. Heute wurde eine Umfrage (oder kleine Studie, je nach qualitativem Anspruch) zu Orden und deren Anhängerschaft veröffentlicht. Die Zeitung „Haberürk“ gab sie in Auftrag und „Konsensus“ befragte 3000 Leute in 375 Ortschaften der Türkei, ob und wo sie ggf. Mitglied sind.

Hier die Resultate im Überblick:

  • Insgesamt gaben lediglich 6% der Befragten an, einer Bruderschaft anzugehören
  • Von diesen 6% gaben knapp 62% an der „Gülen Bruderschaft“ anzugehören
  • Die „Menzil“, „Naksibendi“, „Iskenderpasa Cemaat“ (die spirituell der Naksibendi Tradition folgen) kämen zusammengerechnet auf knapp 35%
  • Die „Süleymancilar“ auf 16%
  • Die „Ismailaga Cemaat“, die ja mit dem Istanbuler Viertel Fatih eine beeindruckende Bastion vorzuweisen hat, kommt demnach auf 7,5%

Zwei weitere Punkte wurden abgefragt: Gibt es ein Ost-West Gefälle und welcher Partei gilt die jeweilige Sympathie?

  • Wie geahnt, es gibt ein Ost-West Gefälle, im Osten (insbesondere im mehrheitlich kurdischen Südosten) gibts mit 10% überdurchschnittlich viele Anhänger der Orden
  • Überraschenderweise würde keine türkische Partei die 10% Hürde überspringen, selbst die AKP würde von den Ordenssympathisanten lediglich 9% erhalten

Meine Meinung kurz & knapp: Weder die klassischen (wie die Naksibendi), noch die „moderneren“ (im Auftreten und Werben) wie die Gülen Bewegung führen Mitgliederlisten. Es gibt keine Mitgliedschaft, entweder man stimmt einer spirituellen Schule, einer bestimmten Denkart zu oder nicht. Sympathien können vergehen, Wechsel zwischen den Orden ist nichts Ungewöhnliches. Dennoch zeigen diese Zahlen die beeindruckende bis beängstigende Performance der Gülen Bewegung. Der „schluchzende Hoca“ fing 1994 mit seiner Öffentlichkeitsarbeit an und konnte viele religiöse Orden wie auch politische Gruppierungen in den Schatten stellen.

Heute beschloss die YSK, also die Oberste Wahlkommission der Türkei, dass ein BDP Abgeordneter aufgrund einer Verurteilung (da sie über 12 Monate beträgt, verliert er das passive Wahlrecht automatisch) namens Hatip Dicle, seines Zeichens alternder kurdischer Nationalist, sein Mandat verliert. Nachrücken darf – und das freut mich besonders – eine Mutter aus Diyarbakir, die ihren Sohn durch einen Sprengstoffanschlag der PKK verloren hatte – sie war von der AKP nominiert worden und hatte den Sitz nur knapp verpasst.

Auch die Ergenekon Verdächtigen Haberal und Balbay (CHP) werden wohl nicht ihr Mandat antreten können.

Heute war der letzte Tag, um Einspruch gegen das Wahlergebnis zu erheben. Die „Resmi Gazete“ hat das Endergebnis bekannt gegeben, demnach kommt die AKP mit der heutigen Entscheidung auf 327 Sitze und die CHP (falls die beiden Verdächtigen endgültig ihr Mandat verlieren) auf 133 (135).

Apropos CHP: Ich schrieb ja im Vorfeld der Wahlen, dass die CHP viele rechtskonservative „Oldies“ nominiert hätte, um der AKP das Wasser abzugraben. Das Unterfangen scheiterte, doch knapp 25 dieser „neuen“ Kandidaten (unter der Ägide des Paläo-Rechtskonservativen Demirel) haben es in die CHP Fraktion geschafft – pikantes Detail; mit bereits 20 Mandataren hätten sie Fraktionsstärke im türk. Parlament.

Desweiteren hat sich nach der Verfehlung des Wahlziels von 30% bei der CHP Katerstimmung und innerer Zwist breit gemacht: Der Mann und die graue Eminenz der CHP, Önder Sav, der zuerst Baykal, den ehemaligen Vorsitzenden, abgesägt hatte, nur um dann den Machtkampf mit dem kurzweiligen Schützling Kilicdaroglu zu verlieren, hat sich wiederum mit Baykal vertragen und will zurück in den Schoß der Parteimacht.

Und die BDP? Nun, die ist ja wie eine kurdische Kopie der FPÖ: Viel poltern, wenig bewegen und viel in die eigene Tasche wirtschaften. Ein unabhängiger Blog kurdischer Aktivisten sprach sich gegen die Vereinnahmung durch die BDP/PKK aus, prangerte krumme Geschäfte in Diyarbakir unter dem BDP Bürgermeister Baydemir an und zeigte gar private Bilder von reichen & verwöhnten Kindern der vermeintlichen Freiheitshelden der Kurden. Der Name der Seite ist „Nasname“ und ich wünsche den Kollegen viel Glück und eingedenk der Erfahrungen, die kurdische Kritiker des kurdischen Nationalismus machen mussten, ein natürliches Ableben in ferner Zukunft.

Weils gut dazu passt: Die PKK hatte den Sohn eines kurdischen AKP Bürgermeisters aus der Region Diyarbakir entführt. Dieser verließ die AKP, um zur BDP zu wechseln und schon war der Sohn „entkommen“ und ist nun wieder bei der Familie. Freude über die Rückkehr, aber Entsetzen über derlei tyrannische Methoden (siehe Nasname Pamphlet weiter oben).

Also ist im Grunde alles beim Alten geblieben: Nun droht die BDP wieder mit „Konsequenzen“, die AKP zerbricht sich den Kopf, wie sie eine neue Verfassung in Angriff nehmen soll, die MHP leckt ihre Wunden und die CHP Flügelkämpfe wollen wohl nie ein Ende finden.

Na seavas…


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