Fußballer und Ordensleute

Der Fußball und die Politik – in vielen Ländern bereits in engem Zusammenspiel, so auch in der Türkei. Welche Mannschaft man mag, kann auch politische Gründe oder Motive haben – wenn man „Diyarbakirspor“ mag, gilt man in den Augen der PKK Sympathisanten schnell als „staatstreu“, während die „DISKI“ (also die städtische Mannschaft der Gemeinde selbst) die Mannschaft „wahrer Kurden“ sein soll. Ist man ein anatolischer Binnenmigrant in Istanbul tendiert man wohl zu Fenerbahce, ganz so wie der aktuelle Ministerpräsident Erdogan.

Der legendäre Flügelspieler Galatasarays aus den 70ern, Metin Kurt, hatte in seiner aktiven Zeit die erste Spielergewerkschaft gegründet und tritt bei den Wahlen am 12. Juni für die TKP (Kommunistische Partei der Türkei) in der Wahlregion Istanbul an. Der nicht minder legendäre Stürmer und Kopfballungeheuer Hakan Sükür (ebenso Galatasaray) ist ein altbekannter Gülen Anhänger und tritt für die AKP an. Saffet Sancakli, der bei allen drei Istanbuler Klubs gespielt hat, ein im serbischen Sandschak geborener „Macir“ ist, tritt – wenig überraschend – für die rechtsnationale MHP an.

So ist der Sport heute nicht unpolitisch zu denken und auch nicht zu verstehen.

Kommen wir zum leidigen und doch wichtigen Thema der religiösen Orden („Cemaat“) und deren wechselhaften Sympathien für politische Parteien: Unlängst gaben drei wichtige Cemaat an, sie würden bei diesen Wahlen nicht – wie erwartet – die regierende AKP unterstützen, sondern oppositionelle Parteien.

  • Die „Iskenderpasa Cemaat“: Folgt dem Weg der Naqschbandiya, war in den späten 90er sehr stark und einflussreich und der erste Scheich Mehmet Zahid Kotku zählte Turgut Özal und Necmettin Erbakan zu seinen Schülern (Muriden). In gewisser Hinsicht verdanken wir dieser Cemaat die Inkorporation des religiösen Spektrums in die Parteipolitik. Diese Gruppe hat bekannt gegeben, sie werde die rechtsnationale MHP unterstützen.
  • Die „Ismailaga Cemaat“: Folgt ebenso dem Weg der Naqschbandiya und ist bei weitem nicht so mächtig wie die Iskenderpasa Gruppe. Interessant ist die Begründung für den Sympathiewechsel: Die Gruppe will nicht weiter die „Dialog-bereite“ AKP unterstützen, sondern die Milli Görüs-nahe Saadet Partisi.
  • Die so genannten „Süleymancilar„: Folgen ebenso dem Weg der Naqschbandiya, sind in der europäischen Diaspora stark präsent und sollen nach unbestätigten Angaben ebenso der MHP ihre Sympathie zugesichert haben. Sympathisanten und Mitglieder der Gruppe sagen allerdings, dass dies eine von der MHP lancierte Unwahrheit ist und die Gruppe der „islamischen“ AKP weiterhin ihre Stimmen geben wird.

Egal ob (offiziell verbotene) Orden oder (Kurden-) Clans, die Wahlen in der Türkei stehen immer im Schatten von Kuhhandeln und Erpressungs- und Bestechungsmomenten zwischen denen, die gewählt werden wollen und denen, die indirekt über viele Stimmen verfügen. Was dem Österreicher sein Bauernbund, sein ÖBB, das ist dem Türken und Kurden sein Clan oder sein Orden.

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