Die Lybische Frage

Gaddafi und sein Clan werden nicht so schnell abtreten, wie man es gehofft, aber wohl kaum ernsthaft erwartet hatte. Gaddafi weiß, dass er der konventionellen Übermacht der Allianz nichts entgegensetzen kann – nichts Konventionelles – doch parlamentarische Demokratien haben eine große Schwäche: Die „Heimatfront“ ist launisch, denn wenn teure und/oder lange Kampagnen militärischer Natur nicht schnell Früchte tragen, dann kann es sehr wohl zu einem plötzlichen Umschwung in der politischen Haltung kommen. Das weiß Gaddafi und er spielt auf Zeit, denn solange er seine Panzer und Flugzeuge, die er noch hat, nicht eingreifen lässt, sondern lediglich seine besser ausgebildeten und bewaffneten Infanterieeinheiten, solange kann er in gewisser Hinsicht die Luftwaffe der Allianz zum Narren halten.

Die Rebellen mussten einsehen, dass Begeisterung keine ordentliche Taktik oder Bewaffnung ersetzen kann. In der letzten Woche wurden die Rebellen teilweise bis hinter Ajdabiya zurückgedrängt, nach dem sie wiederum bis Brega vorgestoßen waren. In diesen Tagen wird diskutiert, ob man die Rebellen bewaffnen sollte, was insofern kurios erscheint, da der ägyptische Militärrat seit Anfang an Munition und Infanteriewaffen in die Cyrenaika gelangen ließ. Die Rebellen brauchen nach wie vor vor allem taktische Ausbildung, ein Oberkommando und Anti-Panzerwaffen respektive einen ordentlichen Lehrgang für ihre RPGs, da sie diese zwar massenhaft zu haben scheinen, aber kaum zum Einsatz bringen können.

Der schlimmste Fall wäre eine faktische Teilung des Landes, das will keiner und noch ist es nicht so weit, da die Isolation und der Boykott des Gaddafi Öls einen Erosionsprozess in Gang gebracht haben, der insbesondere die obligatorischen Apparatschiks eines solchen Systems nach und nach zum Überlaufen und Aufgeben animiert und weiterhin animieren wird. Der Schlüssel für Erfolg und Misserfolg liegt in der Ausdauer, das wusste Gaddafi intuitiv, die Allianz Mitglieder, ihre Medien, Parlamente und Wahlvölker müssen dies noch begreifen.

Nach Angaben der NZZ steht Misrata (die Rebellen Bastion in Tripolitanien) kurz vor dem Fall und die zu erwartenden Säuberungsaktionen nach dem Fall kann man sich vorstellen – ein solches Exempel würde den westlichen Landesteil endgültig zurück ins Gaddafi Lager treiben und eine faktische Teilung erst ermöglichen. Aber Rettung für die belagerte Stadt scheint es nicht zu geben, denn eine komplette Einkesselung und unerfahrene Milizionäre werden letztendlich überrannt werden.

An dieser Stelle muss man noch folgendes bedenken: Die westlichen Machtfaktoren (Stämme, Stadtbevölkerungen, Minderheiten insbesondere im Fezzan) und deren Stillhalten sollte man nicht mit einer wohlwollenden Haltung Gaddafi gegenüber erklären, sondern mit einer berechtigten Angst, in einem Post-Gaddafi-Libyen vom Osten dominiert zu werden. Deswegen wäre es eminent wichtig, diese Machtfaktoren direkt zu kontaktieren und ihnen Zusicherungen zu machen – unabhängig davon ob man Misrata halten kann oder nicht. Gaddafi ist ein politischer Zombie und am Ende werden auch seine Getreuen das Schicksal des Landes nicht über das von Gaddafi stellen.

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