Wikileaks, Imamleaks und der Wert der „Taraf“ Zeitung

Wikileaks und die türkische Tageszeitung „Taraf“ haben beschlossen die Türkei-relevanten Dokumente in Zusammenarbeit offenzulegen. Das ist kaum 2 Wochen her, doch leider führen die Enthüllungen nicht  zur notwendigen medialen und öffentlichen Aufmerksamkeit, da die gesamte türkische Nation wie gebannt auf das Gefängnis in Istanbul, Siliviri (die „Ergenekon“ Angeklagten werden für gewöhnlich dort untergebracht) blickt und nicht zur Besinnung kommen will, da bald Parlamentswahlen sind und die entsprechenden Mediengruppen der Regierung und der Opposition das Feuer am lodern halten wollen, um die tatsächliche Inhaltsarmut des aktuellen Wahlkampfs zu kaschieren.

Deswegen habe ich mir gedacht, ich gebe mal ein kurzes Update durch:

  • Seit Gülen aus dem Land gejagt worden ist, gilt er nationalistischen bis kemalistischen Türken als „Agent Amerikas“, da er seit dem im amerikanischen Exil leben wollte und will. Dann kam Wikileaks: Wussten sie, dass Gülen keinen gültigen Aufenthaltsstatus bekam, erst als „religiöser Würdenträger“ ansuchen musste, nach Ablauf dieses Visums mühevoll und kostenintensiv am Obersten Gericht erst eine „Green Card“ genehmigt bekommen hat?
  • Scharia und die Türkei: Bis zum heutigen Tag scheint sich die amerikanische Außenministerin Clinton über den Status der „Scharia“ Anhänger regelmäßig informieren zu lassen und zeigt auch Interesse an möglichen Konfliktlinien zwischen den großen islamischen Orden und Strömungen (der Nurcus, welcher die Gülen Bewegung entstammt und der Naksibendi, welche insbesondere unter den Kurden Millionen von „Muriden“, also Schülern / Anhängern hat) und eine Einschätzung der amerikanischen Botschaft vom Jahre 2000 zufolge, gab es selbst in den Reihen der damligen Refah/Saadet/Fazilet (also Milii Görüs unter Erbakan) Partei keine mehrheitsfähige Unterstützung für eine Einführung der Scharia Gesetzgebung.
  • Die türkische Außenpolitik wurde unter der AKP Ägide (und vor allem dem von mir hoch geschätzten Außenminister Davutoglu) immer aktiver und initiativ-freudiger, auch wenn hier und da natürlich Misserfolge zu verzeichnen waren (Armenische Frage bleibt offen, auch wenn daran die nationalistische Führung in Eriwan eine gute Portion Mitschuld trägt), hätte man zumindest den Eindruck gewinnen können, dass die arabischen Länder dem neuen Kurs der türkischen Außenpolitik Zustimmung entgegen bringen würden, aber zumindest in den Fällen Ägypten, Saudi Arabien und Marokko scheint dies nicht der Fall zu sein, da diese wiederholt (bei den Amerikanern) die Hartnäckigkeit und eine angebliche „neo-osmanische“ Arroganz der Türkei zu beanstanden hatten. Mag aber sein, dass insbesondere Ägypten und Saudi Arabien eingedenk ihrer eigenen Machtansprüche in der Region einfach intuitiv negativ reagiert haben.
  • Wussten sie, dass es immer wieder schier unglaubliche Skandale um Armee und PKK gibt? Eine der vielen ist im Rahmen von Wikileaks aufgetaucht und besagt, dass der türkische Geheimdienst zeitweise der PKK medizinische Güter aus Armee Beständen verkauft hatte (!). Man will es nicht glauben, doch vielleicht spielt es auch eine Rolle, dass ein türkischer Offizier oder Berufssoldat in Provinzen mit einer Notstandsregelung (OHAL) das 4-5 fache verdient und in Friedenszeiten lediglich Kartoffeln schälen darf?

Quelle: http://bit.ly/gt0BJU

PS:Ja, es stimmt, dass die türkische Staatsanwaltschaft die Werke Siks einsammeln lässt und ebenso kommen aber auch immer mehr Details insbesondere gegen Ahmet Sik durch, so sollte er auf Geheiß Soner Yalcins ein wohlwollendes Buch über „Devrimci Karargah“ schreiben. Zur Info: Das „Revolutionäre Heerlager“ ist eine linksextreme und militante Bewegung, die teilweise in den PKK Lagern ausgebildet wurde und wird (?) , aber dennoch über Altlinke wie Dogu Perincek innerhalb des „ulusal“ (also nationalen) Lagers anzusiedeln ist. Wenn man auch noch hinzufügt, dass die islamistische IBDA-C, die die Istanbuler Anschläge von 2003 zu verantworten hat in den nordirakischen PKK Lagern ausgebildet wurde und wird (?), dann merkt man wohl erst, wie komplex und im Grunde irrational die politische Landschaft der Türkei gegenwärtig ist.

Wer des Türkischen mächtig ist, kann auch das Protokoll der Staatsanwaltschaft (sprich die konkreten Details zu den Vorwürfen gegen Sik) herunterladen:

http://zaman.com.tr/haber.do?haberno=1113884&title=ahmet-sika-devrimci-kararg%E2hla-gorus-talimati

Zugegeben der Fall Sik und Sener hat nichts von seiner Verwirrung und Unklarheit verloren. Da muss man dran bleiben.

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