Post-koloniale Bewusstseinsstörung

Lybien wird bombardiert, genauer gesagt, wird Gaddafi und sein Regime bombardiert – seine Panzer, seine Soldaten und die Grundlagen seiner Macht: Ausgang und Dauer dieses Konflikts sind ungewiss, auch die Allianz (aus mehrheitlich westlichen Ländern) zeigt eine gewisse Unsicherheit mit der politischen wie militärischen Situation.

Doch ich will an dieser Stelle keine Bestandsaufnahme liefern, nein, was mir im Zuge dieses Konflikts bewusst gemacht wurde, ist der Umstand, dass die islamische und/oder arabische Welt – natürlich – eine kritische Distanz zu westlichen Interventionen wie auch Invasionen entwickelt hat respektive entwickeln musste, waren doch die meisten islamischen Länder Kolonien der klassischen europäischen Großmächte, die bis zum heutigen Tag ihre realpolitische Macht in die Strukturen der UNO tragen konnten. Und nun bombardieren diese in Lybien – ganz so als hätten Afghanistan und Irak nicht gereicht?

Nun, Vorsicht ist immer geboten und nur vernünftig, aber sind wir (die islamische Welt) wirklich zu Geiseln unserer Ängste und Phobien geworden? Erinnern wir uns nicht mehr an die Schandtaten und den offenkundigen Wahnsinn Gaddafis? Und was wäre die Alternative gewesen? Die Menschen in Bengazi und Tobruk live via Al Jazeera um ihr Leben fürchten zu sehen? Der Rebellenrat zu Bengazi hatte einen verzweifelten Hilferuf ausgesandt und Arabische Liga, die Organisation der islamischen Konferenz, die USA, die UNO und viele andere hatten gehört, nur um nach den ersten Luftangriffen wiederum in Unsicherheit und Streit zu verfallen.

Amr Musa, den ich den Wendehals und Berufsopportunisten vom Nil nenne, polterte heute, die Luftangriffe sollten gestoppt werden. Amr Musa ist Generalsekretär der AL.

Die AKP Regierung in Ankara und insbesondere Ministerpräsident Erdogan konnte seine Gaddafi-kritische Haltung in den letzten Tagen kaum zurückhalten, aber als es darum ging handfeste Hilfe zu leisten, verwies man auf weiteren Diskussionsbedarf. Im wenigen Wochen sind Parlamentswahlen in der Türkei.

Russland und China enthielten sich im Sicherheitsrat und ermöglichten damit erst eine Resolution, nur um nach den ersten Bombardements (, die die Panzer Gaddafis vor Bengazi trafen) angebliche Angriffe auf zivile Ziele und die Infrastruktur zu beklagen. Russland und China sind keine Demokratien und insbesondere China hat seine eigene liebe Not mit Protesten und virtuellem Ungehorsam.

Kommen wir zurück zur islamischen Welt. Wir fürchten, um die Souveränität und den Reichtum an Bodenschätzen des libyschen Volkes. Wir wollen keine dauerhafte Präsenz fremder Aggressoren in Libyen. Ja, das ist alles gut und richtig, aber sollten wir deswegen einen Gaddafi hinnehmen, der die Souveränität und die wirtschaftliche wie auch politische Entwicklung Libyens auf dem Altar seiner offenkundigen Altersdemenz opferte?

Es gab nur die Wahl zwischen Scylla und Charybdis und die beste Immunisierung gegen Interventionen und Souveränitätsverluste ist eine politische Entwicklung hin zu Rechtsstaat, Demokratie und Ratio und weg von Stammesdespotien. So Gott will, wird Libyen diesen Weg erfolgreich gehen können.

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